Der ;ille des éhrers
Orban, Kaczynski, Fico, Erdogan, Trump:
Das ist eine unvollständige Liste derer, die
bereits eine Herrschaft errichtet haben q
oder kurz davor stehen, es zu schaffen q die
ihre einzige Grundlage und Legitimation
im Willen des Herrschers hat. Und immer
schneller wächst die Zahl jener, die begeis-
tert diese dreiste und schamlose Unver-
schämtheit beobachten, dabei voller Be-
wunderung sind und den Drang verspüren,
diesen Beispielen zu folgen. Genauso
schnell, und vielleicht noch schneller,
wachsen leider die öffentliche Zustimmung
und das Interesse für diese Politiker und
ihre willigen Nacheiferer q und daher für
das Prinzip „Ein Volk, ein Reich, ein Füh-
rer“, das Hitler 1935 in Nürnberg formu-
lierte und prompt umsetzte. Was bis vor
kurzem ein Angebotsmarkt an autokrati-
schen Möchtegern-Führern war, ist schnell
und bislang unaufhaltsam zum Nachfrage-
markt geworden. Trump wurde US-Präsi-
dent, weil er den Amerikanern deutlich
machte, dass er ein solcher Führer sein
wird, und weil die Amerikaner diese Art
von Führer wollten.
Ein solcher Führer benötigt nichts als die
spontane, freiwillige oder aufgezwungene
öffentliche Zustimmung zu seinem Han-
deln. Seine Entscheidungen unterliegen
keinen anderen Beschränkungen. Er
kommt dem Absoluten nahe: Wie Gott in
seiner Erwiderung auf die Infragestellung
durch Hiob, weigert er sich, seine En-
tscheidungen zu erklären und bestreitet je-
des anderen Recht, eine Erklärung einzu-
fordern und zu erwarten. Der Entschluss
des Führers erfordert nur eine Erklärung,
nur diese schuldet er den Betroffenen und
nur sie wird ihnen zuteil: Das ist der Wille
des Führers.
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... Das Fell für die Trommel liefern sie sel-
ber“ Bertold Brecht q „Kälbermarsch“ q
19{3®.
Nach dreißig bis vierzig Jahren ungeteil-
ter und nicht ernsthaft herausgeforderter
Hegemonie der neoliberalen Philosophie
in den USA, als einem Land großer Erwar-
tungen, war der Wahlsieg Trumps praktisch
vorherbestimmt. Unter diesen Umständen
spielten Trumps Fehler und Deformatio-
nen, nach denen die Meinungsmacher so
begierig suchten, die sie konstruierten und
so heiß debattierten, allenfalls die Rolle des
Sahnehäubchens auf einem durchgebacke-
nen Kuchen.
Diese weit über die USA hinausreichen-
den Umstände bieten eine große Gelegen-
heit für die selbst ernannten Träger großer
Erwartungen und Bezwinger großer Frus-
trationen, für die Demagogen und Prediger
jeglicher Couleur, kurz: für Zeitgenossen,
die sich selbst zu starken Männern und
Frauen erklären und deren Stärke nach ih-
rer Fähigkeit bemessen wird, die Spielre-
geln des Establishments zu brechen.
In einer kürzlich veröffentlichten Studie
„Populism and the return of the paranod
style“® wollen zwei US-Wirtschaftswissen-
schaftler, Rafael Di Tella und Julio Rotem-
berg, festgestellt haben, dass wir es nicht
mögen verraten zu werden. Auf politischer
Ebene, kann der Verrat darin bestehen,
dass die Gewählten zuerst im Eigeninte-
resse handeln und die Interessen der Wäh-
ler ignorieren. Nur, um Verrat zu begehen,
bedarf es schon einiges an Kompetenz. Ha-
ben die Wähler Vertauen in ihre Kandida-
ten, sprechen sie sich für den Kompeten-
testen aus. Fehlt den Wählern aber dieses
Vertrauen, geben sie ihre Stimme dem in-
kompetentesten Kandidaten, weil er sie
wahrscheinlich nicht betrügen wird... aus
Mangel an Kompetenz. Mit anderen Wor-
ten: Trump wurde gewählt, nicht TROTZ
seiner Inkompetenz, sondern WEGEN sei-
ner Inkompetenz. Auch wenn die Studie
vom methodologischen Anssatz her auf re-
lativ schwachen Füßen steht, so verweist
sie dennoch auf eine interessante Dimen-
sion in der Einschätzung der rezenten
Wahlresultate bzw. der gewählten Kandi-
daten: Es könnte sehr wohl sein, dass der
Populismusauftrieb weniger den Eintritt in
ein postfaktisches Zeitalter einläutet, als
vielmehr das Ende des Vertrauens in die
Politik, in die politischen Institutionen, ins
Establishment.
Das stablishent
ist der eind
Kurz vor seinem Tod zog Umberto Eco in
dem brillanten Essay „Die Fabrikation des
Feindes“ folgende Schlussfolgerung aus
seinen zahlreichen Studien: „Einen Feind
zu haben, ist nicht nur wichtig, um die ei-
gene Identität zu definieren, sondern auch,
um sich ein Hindernis aufzubauen, an dem
man das eigene Wertesystem beweisen
kann“. Wir brauchen einen Feind, um zu
wissen, wer wir sind und wer wir nicht
sindÆ das zu wissen, ist unverzichtbar für
unsere Selbstakzeptanz und Selbstach-
tung. Und er fügte hinzu: „Deshalb muss
man, wenn man keinen Feind hat, sich ei-
nen fabrizieren... Die Feinde sind anders
als wir und richten ihr Verhalten nach Sit-
ten und Bräuchen, die nicht die unseren
sind. Ein andersartiger par excellence ist
der Fremde, der Ausländer“.
Als „Ausländer“ ist der Ausländer kein
Problem, d.h. so lange er imAusland bleibt.
Darum suchen wir uns einen „Ausländer“,
einen Feind, der dem Zuhause näher ist
und sich innerhalb der Tore unseres Ho-
heitsgebietes aufhält. Ein Feind, der gese-
hen und berührt werden kann, ist aus vie-
len Gründen zweckmäßiger. Schon imMit-
telalter füllten in den christlichen Staaten
Häretiker, Sarazenen und Juden die Funk-
tion des Feindes perfekt aus. Sie alle lebten
innerhalb der weltlichen und kirchlichen
Herrschaftsgebiete.
Heute, in einer ra, die die Exklusion der
Inklusion vorzieht, werden Feindbestim-
mungen noch einfacher. Die populärste
Feindwahl ist derzeit das Establishment
und die starken Männer und Frauen, die
bereit stehen, es auf die Müllhalde zu be-
fördern, sind die Führer zu einem Neuan-
fang q Trump, Orban, Le Pen...
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