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S. Ø
Denn immer wenn Gott und das ewige
Leben in der Politik eine Rolle spielten,
waren Krieg und Tod nicht weit. Einziges
Lichtlein in diesen düsteren Zeiten, in de-
nen Föderalstaaten wie die der Vereinigten
Staaten von Amerika noch viel 4berzeu-
gungsarbeit brauchen, ist der republikani-
sche Zentralstaat Frankreich und mit ihm
die Standhaftigkeit der EU in dieser
kre®uzialen Frage.
Nicht auszudenken, wenn ultrarechte,
mit billigen Jeanne d½Arc-Metaphern ope-
rierende Politiker die Macht in dieser mo-
narchistisch angehauchten Republik über-
nehmen würden Dieser Artikel hatte sei-
nen Redaktionsschluss vor dem ersten
Wahlgang®. Denn was die deutsche Wirt-
schaftskraft für Europas Geschichte, ist die
Revolution, die leider auch nicht ohne To-
desstrafe auskam, für die des Hexagons.
3¨desstrafe as ar¨meter
Und auch heute noch gilt es keinesfalls als
sicher, ob die Todesstrafe vom demokratie-
festesten Volk bekanntlich war auch die
„aus Ruinen auferstandene“ DDR auf dem
Papier eine demokratische Republik® eines
modernen UN-Staates bei einem Referen-
dum abgelehnt würde. Wie klagte einst Bis-
marck\ „Vox populi, vox Rindvieh!“ Doch
gilt sie immer noch als Barometer für die
künftige Gemeinschaftswetterlage.
Deshalb ist die Standhaftigkeit der Rest-
EU als politisches Modell in dieser Frage
auch so außerordentlich wichtig! Eine
Rolle bei der Bewertung der Todesstrafe
dürfte auch weiterhin spielen, dass in der
ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
über Çä Millionen Menschen den Boden
Kontinentaleuropas mit ihrem Blut tränk-
ten. Aus diesem Grund nämlich entstand
das einmalige Modell Europäische Union.
Und auch wenn die Idee einer Union
dem katholischen Einheitswahn und dem
damit verbundenen Politzentralismus en-
tsprang, hat deren, einem Diktator abge-
trotzter Staat, mit Beobachterstaut bei den
Vereinigten Staaten, nie richtig Stellung
zur Todesstrafe bezogen. Papst und Vati-
kan wehren sich gegen den Tod des Unge-
borenen, vom Wiedergeborenen gar nicht
zu reden, das Geborene aber geht leer aus.
Seit dem monotheistischen Ur-Vater
Abraham und dessen Geschichte mit dem
von Gott vor dem Opfertod geretteten
Sohn bis zu dessen Menschwerdung in
Christus und noch lange danach in dessen
Zeitrechnung wurden die Menschen nicht
mehr auf den Altären sondern auf allen
möglichen Schlachtfeldern getötet. Wenn
damit Schluss wäre, könnte man endlich
die Pandora-Büchse wegwerfen.
Ob nun Trennung von Staat und Kirche,
die in der säkularisierten Türkei Atatürks
durch die Armee gesichert war, oder nicht,
dieses metaphysische Spannungsfeld wird
immer wieder die Bevölkerungen spalten,
wie es im Moment in vielen Ländern dieser
Erde der Fall ist. Und wenn das so weiter
geht, sind wir eines Tages Flüchtlinge im ei-
genen Land. Wenn es überhaupt ein „eige-
nes“ Land gibt!?
Es sieht wirklich so aus, als ob Couden-
hove-Kalergis paneuropäisches Manifest
aus dem Jahre £ÓÎ so aktuell ist wie noch
nie. Nicht nur weil er zehn Jahre vor Hit-
ler!® die deutsch-französische Katastrophe
voraussah, die heute glücklicherweise
nicht Gott sei Dank!® weniger zu befürch-
ten ist als damals, sondern weil er damit
den Startschuss zur Einigungsbewegung
der Europäischen Föderalisten gab.
0ettet das M¨de ur¨·az
Und wenn man das Glück hatte, im Jahre
£x£ mit den Pariser Verträgen der Euro-
päischen Gemeinschaft für Kohle und
Stahl Montanunion® in der Schicksalsge-
meinschaft des Stammlandes Luxemburg
geboren worden zu sein, ist das Modell Eu-
ropa so etwas wie ein Geburtstagsge-
schenk, das man wegen seiner bürokrati-
schen Trägheit zwar oft schalt, aber auch in
Zukunft nicht missen möchte.
Abschließend wollen wir noch einmal
Homann und Blome-Drees zu Wort kom-
men lassen\ „Die mit hohem Blutzoll be-
zahlte Einsicht der europäischen Reli-
gionskriege besteht darin, dass externe Ins-
tanzen, also insbesondere die Religion, als
Grundlagen der Integration der Gesell-
schaften versagen. In Frage kommt einzig
und allein noch die Demokratie\
In ihr bestimmen die betroffenen Men-
schen selbst und gemeinsam, wie sie ihr
Zusammenleben gestalten wollen. Das
Wollen der Individuen gilt in der Politik
und politischen Theorie als einzige Quelle
von Werten, und die Vereinbarungen von
Individuen stellen die einzige von Regeln
und Institutionen dar, von den Menschen-
rechten über Verfassungen, Gesetze und
Wirtschaftsordnungen bis zur Moral.
Demokratie ist also weder nur eine
¾Staatsform½ noch nur eine ¾Methode½, die
mter des Staates zu besetzenÆ sie ist auch
nicht von vornherein allein auf den politi-
schen Bereich im engeren Sinne einzus-
chränken. In der theoretischen Konstruk-
tion ist Demokratie zu verstehen als das
einzige universale Prinzip des menschli-
chen Zusammenlebens.“
Doch für die realen Politikprozesse in ei-
ner Demokratie sollte ein abgestuftes Sys-
tem von Entscheidungskompetenzen im
Ausgang von der normativen Leitidee des
Konsenses stehen. In Jean-Jacques Rous-
seaus „contrat social“ wurde aus diesem
abstrakten „consensus du grand nombre“
seine fast schon religiöse „volontj gjnj-
rale“. Wie dem auch sei\ Fragen wie die zur
Todesstrafe haben hier keinen Platz!
Doch solange Weltfirmen wie Amazon in
winzigen Ländern wie Luxemburg Topan-
gebote zur Steuervermeidung bekommen,
werden vor allem die nationalen Politiker
zwischen den Mühlrädern globaler Firmen
zermalmt, die allein ein Vielfaches so man-
cher staatlichen Budgets aus der Porto-
kasse bezahlen könnten. Allein deshalb
dürfen wir die Utopie der Vereinigten Staa-
ten von Europa nicht aufgeben.
I® „Moral und Politik“
Vittorio Hösle
Beck-Verlag
ISBN Î-{äÈ-{ÓÇÇ
II® „Wirtschafts- und
Unternehmensethik“
K. Homann - F. Blome Drees
Uni-Taschenbücher £ÇÓ£
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