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Heidenheimer Open-Air Bühne kennt, der
weiß, dass wir hier keine enormen Mö-
glichkeiten haben. Und das ist auch gut so.
Wir machen aus der Not eine Tugend, so
dass sich der Regisseur wirklich auf das
Wesentliche konzentrieren muss. Bei uns
ist demnach wirkliche Personenregie ange-
sagt, Requisiten gibt es nur wenige und das
Bühnenbild ist zweitrangig. Die Fantasie
der Menschen soll angespornt werden. In
großen Opernhäusern versucht man oft,
den Zuschauer mit enormen Bühnenbil-
dern und allerlei technischem Schnick-
Schnack zu verführen. Ehrlich, wann
bleibt einem da schon die Personenregie im
Gedächtnis? Wenn wir heute von Insze-
nierungen sprechen, die uns imGedächtnis
geblieben sind, so sind das meistens nicht
die mit einer psÞchologisch durchdachten
Personenregie, sondern die, uns mit visuel-
len Effekten betört haben.
„k.“: Ihre sehr erfolgreiche Oberto-
Produktion vom Vorjahr ist nun auch
auf SACD erschienen und zeigt sehr
deutlich, dass man auch ohne die gro-
ßen Stars erstklassige Oper machen
kann.
M.B.\ Wissen Sie, ich denke, die Zeit der
großen Stars, so wie wir sie früher kannten,
ist vorbei. Wen gibt es denn? Anna Ne-
trebko, Elina Garanca und Jonas Kauf-
mann, dann sind wir schon durch. Früher
gab es regelrechte Sängerfamilien, die ge-
meinsam für Projekte standen. Es gab die
Karajan-Familie, die Bernstein-Familie, die
Solti-Familie, die Böhm-Familie. Es waren
individuell herausragende Sänger, die es
damals noch mit einer ganz anderen Mu-
sikpolitik zu tun hatte. Die Schallplatten-
produktionen standen im Mittelpunkt und
hatten damals auch noch eine wirkliche
künstlerische Bedeutung. Die Agenturen
und Verantwortlichen Produktionsleiter
verstanden etwas von den Sängern und
von der Musik. Heute ist das anders. Heute
gibt es in den Produktionsfirmen keine
Spezialisten mehr, sondern nur noch Ma-
nager.
Die Vermarktungsstrategien haben sich
komplett geändert. Heute ist das Dekolletj
meistens wichtiger als die Stimme. Was
dazu führt, dass Sänger falsch in das Reper-
toire eingeführt werden und ihre Stimmen
relativ schnell kaputt gemacht werden. Ro-
lando Villazon ist ein trauriges Beispiel da-
für, wie schnell eine wunderbare Stimme
verschlissen werden kann. Verstehen Sie
mich jetzt nicht falsch. Es gibt tatsächlich
eine Unmenge an hervorragenden Sän-
gern, die keine Stars sind und sich diesem
Vermarktungsprozess widersetzen. Und
solche hervorragende Sänger wollen wir
auch für unsere Produktionen gewinnen.
„k.“: Kann man Heidenheim als En-
sembletheater bezeichnen?
M.B.\ Nein, das wäre sicherlich nicht
richtig. Ein Ensembletheater definiert sich
durch sogenannte MischsängerÆ es sind Al-
leskönner, die sowohl Mozart, wie Doni-
zetti, Verdi und Wagner singen. Aber in
den seltensten Fällen sind es wirklich
„ideale“ Sänger. Und wir suchen die idea-
len Sänger für diesen oder jenen Kompo-
nisten resp. für diese oder jene Rolle. Als
Festival können wir uns diesen Luxus leis-
ten. Und die Sänger, die wir dann engagie-
ren, können sich voll und ganz auf ihre
Rolle konzentrieren und müssen nicht, wie
in einem Opernhaus, heute Tamino und
morgen Othello singen.
„k.“: Neben der Mitwirkung der Stutt-
garter Symphoniker hat Heidenheim
nun seit 2011 sein eigenes Festspielor-
chester. Was können Sie uns über die-
ses Orchester und seine Musiker sa-
gen?
M.B.\ Das BaÞreuther Festspielorchester
hat es uns vorgemacht und auch Claudio
Abbados Lucerne Festival Orchestra sowie
das von Riccardo Muti gegründete Orches-
tra Cherubini zeigen ganz deutlich, zu was
für Leistungen diese ad-hoc Klangkörper
fähig sind.
Es sind Orchester, die zu einem bestim-
men Zweck gegründet wurden und die alle
eine gewisse Idee transportieren. Vor allem
sind es Orchester, deren Musiker einzeln
ausgewählt wurden, weil sie genau das ver-
mitteln, was der Dirigent und Gründer
beabsichtigt. Abbados sogenannte Orches-
ter der Freunde zeigt es vielleicht am bes-
ten. Die Musiker des Lucerne Festival Or-
chestra beispielsweise waren alle Freunde
und Bekannte, Wegbegleiter und Impulsge-
ber von Abbado selbst. Und er hat sie um
sich versammelt, um ganz spezielle Pro-
jekte auf allerhöchstem Niveau zu verwir-
klichen.
Und das ist auch unser Ansatz. Ich wähle
die Musiker persönlich aus und meistens
sind es tatsächlich Künstler, die aus den
verschiedenen Orchestern von Aachen,
Saarbrücken und Nürnberg her kenne, die
ich schätze und mit denen ich mich küns-
tlerisch verbunden fühle.
Es sind Musiker, die einfach Lust am be-
sonderen haben. Wir wollen in Zukunft
aber auch vermehrt überregional arbeiten
und Heidenheim und die Cappella Aqui-
leia fest in der musikalischen Szene posi-
tionieren.




