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seine einzelnen Handgriffe nicht genau er-
kennen konnte. Gerne hätte sie gewusst,
wie ihre Bestellung zubereitet wurde, was
alles hinein kam, in welchemGeschirr man
asiatische Nudeln am besten brät und
wann endlich alles zusammengemischt
wird.
Von ihrem Platz aus sah Vera die Asia
Delight-Leuchtreklame spiegelverkehrt.
Während des Wartens schrieb sie BettÞ
eine SMS. Dabei lag die Hand, die das
HandÞ hielt, auf ihren Knien. Ihr Blick war
gesenkt. Andernfalls hätte sie das Kätz-
chen, das an der Wand entlang zur Tür und
hinaus auf den Bürgersteig huschte, ver-
mutlich gar nicht bemerkt. Sie überlegte
nicht lange, bevor sie ihre Kurznachricht
abschickte.
Es kam kein weiterer Gast, weder um am
zweiten Tisch Platz zu nehmen, noch um
sich rasch etwas zum Mitnehmen zuberei-
ten und schließlich in die dafür vorgesehe-
nen Schälchen einpacken zu lassen.
“Bitte jetztt», rief plötzlich der Mann hin-
ter dem Tresen, ohne den Kopf zu heben.
Oder\ “Bitte sehrt»
Vera hatte ihn nicht deutlich verstanden.
Doch sie begriff, dass sie sich ihren Teller
und das in eine Papierserviette gewickelte
Besteck selbst holen und an ihren Tisch
tragen musste. Die Sitzfläche ihres Stuhls
fühlte sich endlich etwas angenehmer, ein
wenig wärmer an. Allerdings musste sie
noch einmal aufstehen, um an der Theke
nach Chili-Sauce zu fragen.
Wortlos reichte der Asiate ihr das Ge-
wünschte.
Während Vera aß, dümpelten in der ma-
lerischen Halong-Bucht die traditionellen
Dschunken. Massive Bambusstäbe hielten
die Stoffbahnen der gewaltigen Segel zu-
sammen.
Die Nudeln dampften heftig und
schmeckten überraschend herzhaft, auch
das Fleisch war schön scharf angebraten.
Dazu passten die bissfesten Möhrenstrei-
fen und die knackigen Sojasprossen vorzü-
glich. Stücke von frischen Kräutern waren
ebenfalls untergemischt. Die Koriander-
blätter verliehen dem Gericht einen ange-
nehm exotischen Geschmack.
Vor Jahren war Vera selbst einmal in der
nordvietnamesischen Bucht gewesen, zu-
sammen mit ihrem damaligen Mann. Sie
konnte sich noch genau an das Knirschen
und Krächzen des alten Gestänges erin-
nern. Lange vor dieser Reise, noch zu-
hause, hatten sie großartige Fotos von
schwimmenden Dörfern, geheimnisvollen
Tropfsteinhöhlen und Fledermausgrotten
gesehen, wunderbare Reportagen von un-
bewohnten Inseln gelesen, von der Le-
gende gehört, nach der die Bucht durch ei-
nen Drachen entstanden ist, der in den
Bergen am Meer lebte und eines Tages zur
Küste lief und dabei mit seinem Schwanz
tiefe Furchen in das Land zog, das vom
Meer überflutet wurde, nachdem der Dra-
che ins Wasser abgetaucht war.
Daraufhin war ihre Entscheidung schnell
gefallen. Über ein Reisebüro buchten Vera
und ihr Mann eines der kleinen Segel-
boote, für sich ganz alleine, für eine Nacht
und zwei halbe Tage. Als sie am Hafen an-
kamen, waren überall schwitzende Men-
schen, laute Maschinen und Müll. Nach
Sonnenuntergang versuchte das Personal
auf der Dschunke ihnen immer mehr, im-
mer wertlosere Souvenirs und angeblich
vietnamesische Handwerkskunst zu ver-
kaufen. Am Ende blieb ihnen nichts ande-
res übrig, als rasch ein Paar wertlose Ohr-
ringe und eine überteuerte Perlenkette zu
erstehen und sich bereits kurz nach neun
Uhr abends in ihre Kajüte zurückzuzie-
hen, die fensterlos und höchstens sechs
+uadratmeter groß war.
Im Jahr darauf besuchten Vera und ihr
Mann ein von lauten, übergewichtigen
Touristen überlaufenes Land in Zentra-
lamerika. Noch ein Jahr später wurden
sie geschieden.
Vera aß langsam. Der Regen hatte
nicht nachgelassen. Sie war nicht in
Eile, imGegenteil. Sie fragte sich, ob es
vielleicht noch etwas zu erledigen gab,
zu dem sie die ganzen Tage und Wo-
chen zuvor nie gekommen war. Nicht
zu vergessen das Marzipan, natürlich.
Bestimmt gab es in der Nähe eine
Bäckerei. Die würde ihr nächstes
Ziel sein.
Das Nudelgericht war in der Tat
ein Genuss gewesen. Gerne hätte sie
noch mehr davon gegessen, aber sie
konnte nicht mehr. Sogar ihre Eis-
tee-Dose hatte sie komplett geleert.
Zufrieden seufzend fuhr sie sich
mit der dünnen Papierserviette
über den Mund. So wie sie sich
vorhin Teller und Besteck am Tre-
sen geholt hatte, setzte sie die Sa-
chen nach dem Essen auch wie-
der dort ab.
“Was macht das?», fragte sie den Chef
und bedankte sich ausdrücklich für die
leckere Speise.
“Füwanzick», lautete die Antwort.
Zum ersten Mal sah Vera die schmalen,
stumpfen Augen des Imbissbetreibers.
“Fünf Euro zwanzig?», fragte sie, unsi-
cher.
Der Mann nickte, ohne eine Miene zu
verziehen.
Sie gab ihm sechs\
“Stimmt so.»
Vom Kätzchen keine Spur. Mit geöffne-
tem Schirm machte Vera sich auf den Weg.
An der großen Kreuzung angekommen,
sah sie sich nach allen Seiten um. Nirgends
ein Bäcker. Irgendwo ein Zeitungsladen,
vielleicht? Manchmal bekommt man doch
auch dort Süßigkeiten zu kaufen, sagte sie
sich.
Noch bevor es für die Fußgänger grün
wurde, ging Vera los. Weder nach links
noch nach rechts schauend, die hupenden
Autos missachtend, überquerte sie die
Fahrbahn, die gleichzeitig nass und spie-
gelglatt schimmerte.
Auszug aus:
Georges Hausemer: “Fuchs imAufzug”,
Erzählungen, capybarabooks,
Luxemburg 2017, 208 Seiten, 18,95
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