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Accent aigu

S. ×

„7ir leben Øber unsere 6erhBltnisse“

In der Regel Üird dieser scheinbare Selbst-

vorÜurf von vermeintlich verantÜortungsbe-

Üussten PolitiŽern und Experten jeÜeils an

andere adressiert, nBmlich an ein gesell-

schaftliches PubliŽum, dem bedeutet Üird,

seine materiellen AnsprØche seien mit der

<eit Øber die Ma~en geÜachsen und gefBhr-

deten die fortgesetzte ŸŽonomische Prosperi-

tBt des emeinÜesens. Der reflexhaft folgen-

de Schluss aus dieser Diagnose lautet dann

stets, dessen Mitglieder aufzufordern, „den

Ørtel enger zu schnallen“ q dies die gBngige

Umschreibung fØr die politische Forderung

nach einem Ørzertreten der anderen.

So gebetsmØhlenartig diese eschichte er-

zBhlt Üird, sie Üird durch 7iederholung

nicht Üahrer. 7ir leben nicht Øber unsere

6erhBltnisse q Üir leben Øber die 6erhBltnisse

anderer. Unsere privilegierte Position verdan-

Žen Üir der Üeniger bevorzugten Stellung an-

derer, bei uns und in anderen /eilen der 7elt.

Ein /eil unserer esellschaft lebt seit jeher

von der Arbeit und den Ressourcen anderer,

von der AbÜBlzung sozialer und ŸŽologi-

scher SchBden auf Dritte, ein sozusagen „still-

schÜeigender Sozialvertrag“, Üie der US-So-

ziologe Craig Calhoun es nennt: „Die Ørger

tolerieren Ungleichheit und die Externalisie-

rung langfristiger osten, solange das 7achs-

tum brummt“.

0essoærcen—nappŒeit

ænf 5žîeltôerst«ræng

FØr diejenigen, die von dieser AbÜBlzung,

oder ŽorreŽter gesagt „Auslagerungspraxis“,

betroffen sind bedeutet dies, dass sie in Form

unÜØrdiger Arbeitsbedingungen und massi-

ver UmÜeltzerstŸrungen mit den EffeŽten

unserer onsumgesellschaft Žonfrontiert

sind. ereits Anfang der 1™™0er Jahre, Üies

der US-Journalist Robert D. aplan auf die

ŸŽologischen Probleme hin in estalt von

zunehmender RessourcenŽnappheit und

UmÜeltzerstŸrung. „Es ist an der <eit, die

UmÜelt als das zu begreifen, Üas sie ist: die

nationale Sicherheitsfrage des frØhen 21.

Jahrhunderts. Die politischen und strategi-

schen AusÜirŽungen... stellen die zentrale

au~enpolitische Herausforderung dar, aus

der alle anderen Herausforderungen letzt-

lich hervorgehen Üerden.“

EtÜas mehr als 20 Jahre nach aplans An-

merŽungen Øberbieten sich die PolitiŽer bei

der AbschrecŽung und Abschottung gegen-

Øber Menschen, die, getrieben von existen-

tieller Not oder dem 7unsch nach einem

besseren Leben, den reichen Norden zu er-

reichen versuchen. Die <urØcŽÜeisung der

eflØchteten Üird zu einer Frage der natio-

nalen Sicherheit stilisiert, <Bune Üerden ge-

baut, „SchicŽsalsgemeinschaften“ Üerden

beschÜoren und „"bergrenzen“ eingefor-

dert.

6iele der eflØchteten fliehen auch aus

ŸŽologischen rØnden: Steigende /empera-

turen oder onfliŽte um Žnapper Üerdende

Ressourcen in LandÜirtschaft und ergbau

berauben sie der MŸglichŽeit, ein von Not

und eÜalt befreites Leben zu fØhren.

aplans Analyse scheint sich nicht nur zu

bestBtigen q sie liefert der Üestlichen Ab-

schottungspolitiŽ gleich die Rechtfertigungs-

grØnde mit. 7enn die UmÜelt zur Frage der

nationalen Sicherheit Üird und Üenn es nun

mal der SØden ist, dem die UmÜelt beson-

ders Øbel mitspielt, dann mØssen sich die

LBnder des Nordens scheinbar auf die 6er-

teidigung ihrer zivilisatorischen Errungen-

schaften Žonzentrieren q und sich zu eben-

diesem hŸheren <ÜecŽ die Menschen aus

dem SØden vom Leib halten.

;oŒlstanf aæf

osten anferer

SoÜohl die Diagnose von aplan als auch die

heutige FlØchtlingspolitiŽ beziehen ihre Legi-

timation und PlausibilitBt gerade daraus, dass

sie sich Øber die entscheidenden <usammen-

hBnge ausschÜeigen.

Erstens: Menschen Üerden nicht einfach

durch die „ nappheit“ natØrlicher Ressour-

cen und den „ limaÜandel“ zur Flucht ge-

trieben. Stattdessen sind es ungerechte gesell-

schaftliche 6erhBltnisse, Üie der ungleiche

<ugang zu Land, 7asser und ProduŽtions-

mitteln, die die RessourcenŽnappheit und

den limaÜandel fØr viele zu einer existen-

tiellen edrohung machen.

<Üeitens: Diese 6erhBltnisse lassen sich

nur begreifen, Üenn man den licŽ Øber den

/ellerrand der betroffenen Regionen hinaus

auf den globalen ontext richtet. Hinter den

onfliŽten sogenannter Ethnien zeigt sich

der edarf des Nordens an den Ressourcen,

7asserŽonfliŽte erÜeisen sich als das Resul-

tat der <erstŸrung ŽleinbBuerlicher ProduŽti-

onsÜeisen, die Ursachen der Migration der

leinbauern nach Europa liegen in der EU-

Agrar- und Au~enhandelspolitiŽ, die ihre

MBrŽte und EinŽommensmŸglichŽeiten zer-

stŸrt.

Die EU-PolitiŽ ist die logische onsequenz

einer LebensÜeise, die darauf beruht, sich

ÜeltÜeit Natur und ArbeitsŽraft zunutze zu

machen und die dabei anfallenden sozialen

und ŸŽologischen osten zu externalisieren.

Diese LebensÜeise Žann man getrost als „im-

perial“ bezeichnen. Das alltBgliche Leben bei

uns Üird Üesentlich durch die estaltung der

gesellschaftlichen 6erhBltnisse und der Na-

turverhBltnisse andernorts ermŸglicht. 6iele

unserer AlltagsgegenstBnde enthalten Roh-

stoffe, deren HerŽunft nicht sichtbar ist. Das

leiche gilt fØr die Arbeitsbedingungen, un-

ter denen diese Rohstoffe ausgebeutet oder

/extilien und Lebensmittel hergestellt Üer-

den.

Somit Üerfen die gegenÜBrtigen risen und

onfliŽte ein grelles Licht auf die 7ider-

sprØchlichŽeit dieser „imperialen“ Lebens-

Üeise und man Žann sich leicht vorstellen,

Üelche Üeiteren AusÜirŽungen zu erÜarten

sind Üenn SchÜellenlBnder Üie China, In-

dien und rasilien sich „Žapitalistisch“ ent-

ÜicŽeln und die dortigen Mittel- und "ber-

Žlassen sich „nŸrdliche“ 6orstellungen und

PraŽtiŽen des guten Lebens zu eigenmachen.

8Rer die :erŒFltnisse anderer leRen

Konsummodell in der Klemme

iž 1\ŒæžB££

„Arising tide lifts all boats“, die Flut hebt

alle Boote – Dieses von J.F. Kennedy

popularisierte Fortschrittsmotto für die

wohlstandskapitalistische Gesellschaft

ist heute unglaubwürdig geworden. Der

Wohlstandskapitalismus hat den Globus

überschwemmt – mit Überfluss hier, mit

Überflutungen dort.

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