\\e£t aigu
S. ×
doch auch Züge von Al Capone. Ein Aus-
zug aus den Stück beschreibt sehr schön,
wie Herr Ui den Geschäftsleuten die von
ihm geforderten Sicherheitskosten ver-
kauft. Für Brecht haben die Nationalsozia-
listen der deutschen Wirtschaft ein sicheres
Produktionsumfeld versprochen und wur-
den dafür bezahlt von Krupp und Konsor-
ten. Wo für uns heutzutage die Bedrohung
herkommen sollte, die solche zusätzliche
Rüstungsausgaben rechtfertigen würde, ist
nicht leicht zu ersehen. Russland ist, vergli-
chen mit den USA, ein eher friedliebendes
Land. Es hat ja auch keine gottgegebene
Sonderstellung in der Welt, wie die USA.
Eine Bedrohung ist eher vom Volk, dem
„grossen Lümmel“ nach Heinrich Heine zu
erwarten, wenn man ihm lange genug „das
alte Entsagungslied, das Eiapopeia vom
Himmel“ vorgesungen hat. In diese Rich-
tung zeigt auch eindeutig das Weissbuch
Ó016 zur Sicherheitspolitik und zur Zu-
kunft der Bundeswehr. Eines der am häu-
figsten im Weissbuch Ó016 erscheinenden
Wörter lautet „Vernetzung“ bzw. „vernet-
zen“. Wie praktisch mutet es daher an, dass
sich, in der Wahrnehmung des Verteidi-
gungsministeriums, „in unserem vernetz-
ten Ansatz o zivile und militärische Instru-
mente ergänzen“. Nachtigall, ick hör dir
trapsen! Aber zurück zu Arturo Ui und sei-
nem Sicherheitskonzept bei Brecht. Ui
spricht zu den Geschäftsleute:
„Eines gleich voraus: So wie ihr’s bisher
machtet, so geht’s nicht. Faul vor der La-
denkasse sitzen und hoffen, dass alles gut-
geht, und dazu uneinig unter euch, zersplit-
tert, ohne starke Bewachung die euch
schützt und schirmt, und hiermit ohn-
mächtig gegen jeden Gangster, so geht’s na-
türlich nicht. Folglich das erste ist Einig-
keit, was not tut. Zweitens Opfer. Was, hör
ich euch sagen, opfern sollen wir? Geld
zahlen für Schutz, dreissig Prozent abfüh-
ren für Protektion? Nein, nein, das wollen
wir nicht! Da ist uns unser Geld zu lieb! Ja,
wenn der Schutz umsonst zu haben wär,
dann gern! Ja, meine lieben Gemüsehänd-
ler, so einfach ist’s nicht. Umsonst ist nur
der Tod. Alles andere kostet. Und so kostet
auch Schutz. Und Ruhe und Sicherheit
und Friede. Das ist nun einmal im Leben
so. Und drum, weil das so ist und sich nie
ändern wird hab ich und einige Männer,
die ihr hier stehn seht – und andere sind
noch draussen – beschlossen euch unsern
Schutz zu leihen.“ Das Theaterstück geht
weiter in seiner erstaunlich konkrete Bes-
chreibung des Zusammenspiels von Han-
del und Gewalt, so passend zu unserer
Zeit, dass einem beim Lesen manchmal un-
heimlich wird. Die Vergangenheit ist eben
niemals tot!
ér äö¯×
Was wird das neue Jahr uns noch bringen?
Wir konnten lesen, es hat sich der luxem-
burgische Regierungschef für Anfang März
eine Debatte über die Medien im Parla-
ment gewünscht und einen solchen Antrag
eingereicht. Auf dem Programm sollen
Fake News auf deutsch: Enten® und eine
Reform der Pressehilfe stehen. Wer mit of-
fenen Augen durch unsere Welt geht, weiss,
dass das Wort Reformen sehr oft mit Kür-
zungen verbunden ist. So wahrscheinlich
auch bei der Pressehilfe. Was wiederum
heisst, noch mehr sparen, noch weniger
teuren, investigativen Journalismus, noch
mehr Abhängigkeit von den Anzeigenkun-
den, d.h. von der Wirtschaft. Es gibt Re-
formvorschläge, die vielleicht im Parla-
ment untersucht werden sollten. So hat
Pierre Rimbert, beigeordneter Chefredak-
tor beim Monde Diplomatique, in der De-
zemberausgabe Ó01{ des Diplo ein Projekt
für eine freie Presse veröffentlicht. Dies
Projekt sieht vor, dass alle Leistungen, die
der Presse gemeinsam sind, von einem öf-
fentlichen Dienst übernommen werden
sollen, um so zu verhindern, dass die
reichsten Leute im Land sich den Medien-
markt sichern und die Konkurrenz zum
grossen Teil ausschalten. Die einzelnen
Zeitungen sollen nur ihr eigentliches Pro-
dukt, nämlich ihre Artikel, veröffentlichen
und nur darüber zueinander in Konkur-
renz treten. Dies heisst, dass der vorge-
schlagene öffentliche Dienst die allen ge-
meinsamen Leistungen wie Drucken, Ver-
teilen der Texte, Vorhalten der Vertei-
lungsstellen Kioske oder Internetplat-
form®, Verwaltung, juristischer Beistand
usw. jedem zur Verfügung stellen soll. So
wie z. Bsp. bei Transport oder Telekommu-
nikation Infrastrukturen von der öffentli-
chen Hand vorgehalten werden und über
Gebühren bezahlt werden. Falls dieser
Vorschlag kein Interesse bei einer doch
sehr neoliberalen Regierung finden sollte,
sollte man nicht verzweifeln. Es gibt je
noch den etwas radikaleren Vorschlag von
Kurt Tucholsky, veröffentlicht in der Welt-
bühne im Jahr 19Ó9 und dargestellt in der
beigefügten Graphik. Tucholsky stellt fest:
„Warum machen sich eigentlich die
Leute das Leben so schwer?
Die Leser müssen die ganze Zeitung
durchfliegen, bis sie etwas gefunden haben,
was sie interessiert – und die Journalisten
müssen das alles schreiben... Warum?
Wozu? Es geht viel einfacher. Es hat sich
doch nun im Lauf der Zeit herausgestellt,
daß dieselben Ereignisse immer wieder-
kehreno Die Zeitung teilt uns in gefälliger
Aufmachung nur das mit, was wir schon
wissen. Wenn wir es aber schon wissen,
dann fesselt doch nur noch die Menge des
Geschehens und die Tatsache, daß es ge-
schehen ist. Vereinfachen wir uns also das
Leben, den schwer geplagten Journalisten
die Arbeit und dem Leser die Abendstun-
den und machen wir, weil wir sonst keine
Sorgen haben, die Tabellenzeitung.“ siehe
Bild®.
Bleibt jetzt nur noch die Frage, wie die-
sen Beitrag abschliessen: mit Heine oder
mit Brecht? Am besten mit beiden, um die
optimistische sowie die weniger optimisti-
sche Seite abzudecken. Brecht’s Epilog sei-
nes Arturo Ui lautet:
„Ihr aber lernet, wie man sieht statt stiert
und handelt, statt zu reden noch und noch.
So was hätt einmal fast die Welt regiert! Die
Völker wurden seiner Herr, jedoch dass
keiner zu früh da triumphiert – der Schoss
ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“
Und Heines gute Nachricht in seinem
Wintermärchen sagt uns:
„Es wächst hienieden Brot genugFür alle
Menschenkinder,Auch Rosen und Myrten,
Schönheit und Lust,Und Zuckererbsen
nicht minder.“
Spruch von William Faulkner
TaQellenzeitungb von urt Tucholsï (¯¤ä¤)




