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ittprature

S. ¯ä

Der Umschlag stammt von einem Finnen.

Er habe, so schreibt er, während einer

Wanderung einen Fund gemacht. Zu-

nächst habe er es für einen blutverschmier-

ten Schlüsselbund gehalten und die Mord-

kommission alarmieren wollen. Auf dem

beigefügten Objekt stünde Fabians Name.

Er wolle es deshalb hiermit seinem recht-

mäßigen Besitzer zurückgeben, wünsche

Hals- und Beinbruch, eine gute Besserung

und wird schon schiefgehen. Irritiert

nimmt Fabian den Briefumschlag wieder

zur Hand und schüttet den verbleibenden

Inhalt auf die Tischplatte. Als er die kle-

brige Masse mit dem Zeigefinger anstupst,

zuckt sie zusammen, versprüht einen Duft,

der kaum zu ertragen ist. Eine Mischung

aus Bratenfett und durchgeschmorten Ka-

beln. Fabian muss sich fast übergeben. Um

das zu verhindern, schaltet er den Fernse-

her und das Radio gleichzeitig anÆ auf allen

Kanälen Frühstückssendungen, Tipps und

Tricks zum Thema Haferflocken, Pfannku-

chen, Marmelade, Obst. Er setzt sich wie-

der auf seinen Platz – neben dem Teller

liegt ein Organ entzweit.

Da fährt man in den Urlaub, schenkt sein

Herz einer Finnin, und die trampelt es mit

Füßen, trägt es durch den Wald, viele finni-

sche Kilometer weit, und wirft es ins Ge-

büsch. Wäre Fabian ein Hund, er würde

sich auf der Stelle tot stellen – und ihr ein

Foto davon schicken, wie er da liegt, mit

zuckenden Pfoten und heraushängender

Zunge. Dann würde ihr Herz auch nach

Bratenfett stinken. Nie wieder wird er einer

Tierschützerin über den Weg trauen, das

schwört er sich und schlägt zur Besiege-

lung seines Versprechens mit der Zeitung

auf den Tisch. Oh weh, erneut hat’s das

Herz erwischt. Wen schert’s, es ist eh ka-

putt.

Sorgfältig schiebt er die Masse in den

Umschlag zurück, verstaut diesen in seiner

linken Brusttasche und setzt sich gerade.

Er spürt das Holz unter seinen Unterar-

men, die Hausschuhe an seinen Füßen,

spürt die Wärme seiner Tasse, will endlich

Brote essen, Kaffee trinken. Wird beim ers-

ten Schluck stutzig – das Gebräu lässt sich

nicht runterschlucken. Er spuckt es im ho-

hen Bogen wieder aus, besudelt den Bo-

den, das Holz, überall braune Flecken. Fa-

bian sieht rot. Die Frühstücksstimmen

drängen sich ihm auf: Diese Flocken müs-

sen sie tausendmal kauen, diese Flocken

nur dreimal. Schluss damit. Wie oft hat er

schon zum Zorn gesagt: „Ich brauche dich

nicht“, und ist dann bei jedem Atemzug äl-

ter geworden. Das muss ein Ende haben.

Jetzt wird individuell Unheil angerichtet!

Fabian schnappt sich das Portemonnaie

mit der Visa Karte und verlässt seine Woh-

nung. Mit diesem kleinen Plastikstück las-

sen sich viele Schandtaten begehen. Mar-

derpelze kaufen, Elfenbein, Stierhoden,

um sie dann mit der Post zu verschicken!

Am Bankautomaten wird er schmerzlich

daran erinnert, dass das Leben ungerecht

ist. Er hebt zehn Euro ab und stopft sie ne-

ben sein Herz. Dafür kann man sich nichts

mehr kaufen. Lebensmittel für zwei Tage,

höchstens. Oder einen Goldfisch. Oder o

einen Goldfisch.

Im Tierwarenladen zeigt er mit dem Fin-

ger in die Tiefen des Aquariums: Das dick-

ste Exemplar für meine Braut, bitteÆ und

bekommt es in einer Plastiktüte daher ge-

reicht. Eine rote Liebesschleife hält das

Bündel zusammen, der Verkäufer hatte

drauf bestanden. Bei jedem Schritt, den Fa-

bian sich wieder seiner Wohnung nähert,

schwappt das Tier gegen die Plastikwände.

„Halt still, Haifischfutter“, murmelt er. Un-

ter einer rostigen Pfanne werde ich dich

zerquetschen und nach Finnland verfrach-

ten.

Das Wasser ist in wenigen Sekunden im

Abfluss der Badewanne verschwunden,

das Frachtgut hingegen zappelt. Fabian

schlägt viermal zu. Dreimal daneben. Da-

nach löffelt er den Goldfischbrei in ein

kleines Paket und frankiert es.

Mit einem förmlichen Brief wird er am

folgenden Tag ins Postgebäude bestellt.

Verdammter Rechtsstaat. Autos voller

Prostituierten werden über Grenzen ges-

chmuggelt, geschlachtete Schweine ton-

nenweise über Autobahnen gejagt, sensible

Daten gesendet, Drogengelder verschoben,

aber ein toter Goldfisch –

Fabian kramt seinen besten Anzug her-

vor. Er will schließlich einen seriösen Ein-

druck bei den Postbeamten hinterlassen.

Er begutachtet sich damit im Spiegel. Er

sieht wie ein Massenmörder aus Patrick

Bateman®, zieht den Anzug wieder aus,

eine Stoffhose und einen Pulli an, sieht im-

mer noch wie ein Massenmörder aus

wer?®. Das Postgebäude, das er seit ges-

tern nicht mehr betreten hat, ist immer

noch ein U-Boot. Fabian schiebt sein

Schreiben über den Empfang. „Kommis-

sionen, drittes Stockwerk,“ befiehlt der

Matrose mit dem steifen Kragen. Fabian

begibt sich in den Aufzug und liest seine

Vorladung wieder durch: Bitte innerhalb

der folgenden zwei Arbeitstage bei der

KfsfP melden. Er hat keinen Schimmer,

was das bedeuten soll. Kommission für

strafbare und fatale Post? Für schleierhafte

aber fantasievolle Pakete. Für saublöde fa-

schistische Propaganda? Auf jeden Fall ist

sie sehr beliebt. Dreißig unsichtbare Kun-

den werden vor ihm drankommen, dreißig

unsichtbare Kunden werden vor ihm Mi-

tarbeiter mit Arbeit belästigen.

Fabian steuert auf einen unbequemen

Stuhl zu, macht es sich so bequem wie mö-

glich, das heißt, gar nicht, und wartet. Die

Uhr, über dem Bild mit der Uhr neben dem

Palmengewächs gegenüber seinen Füßen,

tickt allenfalls alle fünf Sekunden. Angewi-

dert steht er auf und wandert über fleckigen

Teppichboden. Die Seele wollen sie ihm

brechen, mit ihren Kommissionen, an jeder

Bürotür steht eine andere rätselhafte For-

mel. So stellt er sich das Haus

der Geometrie, die Hölle vor. Am Ende

des Flurs steht er auf einmal vor einer

Mauer. Zu seiner linken Seite wird sein

Weitergehen ebenfalls durch Ziegel ver-

sperrt, nur rechts eine Ausweichmöglich-

keit. Er öffnet die Tür, betritt den Raum.

Hinter einem Schreibtisch aus Glas befin-

det sich ein leerer Stuhl.

Nachdem Fabian sich fünf Minuten lang

geräuspert hat und immer noch niemand

erschienen ist, macht er sich über die Stem-

pel her. Um keine Spuren zu hinterlassen,

probiert er sie auf seinen Armen aus. Auf

den meisten steht bloß „aufgegeben“. Ja, ja,

denkt Fabian boshaft. Ich werde es aufge-

ben, wie ein gesunder Mensch auszusehen,

meine Liebe ist dahin, ich werde es aufge-

ben, diesen Unsinn verstehen zu wollen,

und wenn sie mich zur Polizei schicken,

werde ich auch aufgeben. So sieht es aus o

Aus einer Nebentür ebenfalls unsichtbar®

kommt ein Postbeamter geschlurft. Er

scheint daran gewöhnt zu sein, dass Leute

uneingeladen in seinem Büro sitzen.

„Man hat mich hierher geschickt“, stößt

Fabian hervor und wedelt mit seinem

Schreiben herum und zieht dann schnell

den Pulli über die zugestempelte Haut.

„Zeigen Sie mir das doch mal her“, ant-

wortet der Beamte ruhig und liest das Do-

kument durch.„Das ist ja wieder typisch.

Die Leute können nicht lesen und ich muss

mich dann mit ihnen rumschlagen. Das

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