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Accent aigu

S. 9

Die freiheitliche, emanzipatorische, libe-

rale Gesellschaft ist nur so lange die bes-

sere Gesellschaft, wie die Menschen, die

in ihr leben, auch tatsächlich der Ansicht

sind, dass es die bessere Gesellschaft ist.

Solange sie bereit sind, dafür einzustehen

und zu streiten

Politologin Antje Schrupp

Wann und wo du geboren wurdest,

steht auf deinem Pass oder deiner Identi-

tätskarte, wie und warum aber du zur

Welt gekommen bist, wartet auf einem

weißen Blatt, auf das du deine Ge-

schichte schreiben wirst. Und vergiss da-

bei nie, zu leben wie ein Baum: Breite

deine Krone nie weiter aus, als deine

Wurzeln gewachsen sind“,

das gab mir

mein Gärtnergroßvater recht früh mit auf

meinen Lebensweg.

Die europäische Konstruktion nach dem

verheerenden Zweiten Weltkrieg, die un-

sere Generation das Glück hatte zu erleben

und vielleicht in einem kleinen und be-

scheidenenen Maße mitzugestalten, hat im

Rahmen der internationalen Einbindung in

die kapitalistische Globalisierung Lebens-

welten fragil werden lassen, von denen sich

unsere Vorfahren nach einer langen totali-

tären Durststrecke endlich Berechenbar-

keit, Bindungen, Sinn und Identität erhof-

fen konnten.

Der amerikanische Soziologe Richard

Sennett hat das bereits 1998 in seinem

Buch

Der flexible Mensch

beschrieben:

Eine unbeabsichtigte Folge des moder-

nen Kapitalismus ist die Sehnsucht der

Menschen nach Verwurzelung. Und wenn

er sie in seiner Arbeit nicht findet, treibt es

ihn, woanders nach Bindung und Tiefe zu

suchen“

. Dann beschleicht das Gefühl der

Heimatlosigkeit erst recht jene, die soziale

Unsicherheit erleben und sich von den Eli-

ten allein gelassen fühlen.

Und da die meisten Menschen Heimat

nicht einmal ansatzweise bei sich persön-

lich vermuten, beginnt die große Suche

nach dem gesellschaftlichen Zusammen-

hang und -halt. Behindert durch Miss-

trauen und -gunst gegenüber dem schick-

salhaften Nachbarn, sucht man nach

Gleichgesinnten, natürlich nur selten au-

ßerhalb des sogenannten eigenen Kultur-

und Ethniekreises. Sprache, Religion, Ter-

ritorium sowie ein Gefühl der Solidarität

spielen dabei eine Rolle.

Identität im historischen

Wandel

Aber auch die feindliche Unterwerfung der

eigenen Kollektivität wie in den beiden

Weltkriegen beobachtet, in denen sich die

vorher eher durch historische Zufälle ges-

chmiedete Identität der sogenannten

Luxemburger um ihre marianisch verehrte

Monarchie entwickelte, kann eine gemein-

same Identitätswelle auslösen, die sich

nach dem subkutan ultimativ kollektiv-

traumatischen Auschwitz-Dilemma zu ei-

nem regelrechten Tsunami entwickelte.

Doch das „Nie wieder Krieg!“ der Nach-

kriegszeit scheint einem protektionisti-

schen Reflex habgieriger Neureicher Platz

gemacht zu haben, die einfach nicht

checken, dass die Grenzgänger nicht nur

unserere Autobahnen verstopfen, sondern

auch für unseren Reichtum arbeiten. Dass

sie dabei nicht unbedingt das Idiom von

der Petruss sprechen, stört wohl nur die

Einheimischen, die glauben, sie würden ih-

nen die von Geburt aus zustehenden Ar-

beitsplätze stehlen.

Man braucht nur in die Zehn Gebote der

Initiative „

Wee 2050/Nee 2015

“ hinein zu

lesen, um auf den kafkaesken Satz zu sto-

ßen: „

De Bierger kann sech un e Gre-

mium wenden, deen d’Implementatioun

vun dësen Aktiounspunkten iwwer-

waacht

“. Wie denn, was denn? Ein Gesin-

nungskommitee wie in zappendusteren

Zeiten!? Solche primären Abwehrreflexe

zeugen lediglich von einer noch nicht abge-

schlossenen oder aber schlecht verdauten

kollektiven Identitätssuche.

Und wie der Schriftsteller Guy Rewenig

richtig schlussfolgert, dient diese bedin-

gungslose Verherrlichung der luxemburgi-

schen Sprache zum Steigbügelhalter für

andere, etwas lichtempfindlichere Volks-

begehren wie das der Initiative „Nee zum

Auslännerwahlrecht“ beim überflüssigen

Referendum von 2015. Das mit Stilblüten

wie „Implementatiounen“ gestelzte mosel-

fränkische Dialekt muss also herhalten als

Alibi für ausufernde identitäre Fantasmen.

Denn diese Leute interessieren sich we-

nig für das sprachliche „Arbeitsgerät“ der

Luxemburgensianer, die auf ihren Internet-

seiten nur selten vorkommt. An der reichen

einheimischen Literaturszene vorbei pfle-

gen sie eher einen sektären und retrogra-

den rot-weiß-blauen Diskurs im Interesse

von atavistischen Traditionen à la „Feier-

won“, mit denen wir einst unserem damals

verhassten Nachbarn zeigen wollten, dass

wir „keng Preise“ mehr sein wollten.

Es waren damals Gräben, wie sie kürz-

lich wieder zwischen Serben und Bosniern

aufgeworfen wurden, um nur diese zu nen-

nen. Doch auch in unseren traditionell

westlichen Demokratien geht erneut der

gesellschaftliche Spaltpilz um, ob das nun

von der Spitze des Staates wie jetzt in den

Vereinigten Staaten, oder von den den lin-

ken und rechten Rändern wie in manchen

Der Staat als Selbstbedienungsladen

Carlo Kass

Internationale nihilistischer Rechtspopulisten auf dem Vormarsch

Jugendliche trauen weder Regierung noch Opposition