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Accent aigu

S. 8

Und dann natürlich die Sprache, die da

sehr zielorientiert als Instrument eingesetzt

wird. Ein Nazijargon mit Parolen, die man

nie mehr hören wollte. Ein diffamierender

Sprachgebrauch, der von rechten Pöblern

und ihrer Politkaste nach Nazivorbild ein-

gesetzt wird, um so ziemlich alles und je-

den zu beschimpfen, der ihren Irrsinn nicht

hören will. Sehr aktuell in diesem Kontext

ist die von deutschen Sprachwissenschaf-

tlern alljährlich vollzogene Wahl zum Un-

wort des Jahres.

Heuer wurde der Begriff „

Volksverräter

als Unwort des Jahres 2016 bekannt gege-

ben. Das Wort, so die Sprecherin der „Un-

wort“-Jury kürzlich anlässlich der Be-

kanntgabe der Wahl in Darmstadt, sei „

ein

Erbe von Diktaturen

“. In der Begründung

der Jury heißt es, Anhänger von Pegida,

AfD und ähnlichen Initiativen würden den

Begriff als Vorwurf gegenüber Politikern

verwenden. Er sei undifferenziert und dif-

famierend, und würde „

das ernsthafte

Gespräch und damit die für die Demo-

kratie notwendigen Diskussionen in der

Gesellschaft abwürgen.“ Und das wurde

sehr richtig erkannt und glücklicherweise

endlich propagiert.

“Lügenpresse

”,

Volksverräter

” und “

Überfremdung

” –

die Sprache der Nazis kehrt schleichend

zurück. Ein Thema, das auch unseren

kulturissimo

“ in dieser Ausgabe beschäf-

tigt. Genauer im Kontext dieses Beitrages,

und Wikipedia bemühend: Die Sprache

des Nationalsozialismus bezeichnet ein

Vokabular der deutschen Sprache und eine

bestimmte öffentliche Rhetorik, welche in

der Zeit des Nationalsozialismus häufig

verwendet wurde und den Sprachgebrauch

in Staat und Gesellschaft stark beein-

flusste. Sie enthält sowohl Neuschöpfun-

gen von Wörtern als auch veränderte Be-

deutungszuschreibungen für bereits vor-

handene Wörter. Beide wurden teils ab-

sichtlich geschaffen (geprägt), teils unre-

flektiert eingebürgert.

Adolf Hitler

und

Jo-

seph Goebbels

gelten als typische Vertreter

dieser Sprache. Sie wirkten großenteils mit

ihren Sprechattacken als Demagogen und

verwendeten die Massenmedien systema-

tisch für ihre NS-Propaganda, so dass sich

ihr Sprechstil und Vokabular weit verbrei-

teten und in vielen öffentlichen Bereichen

durchsetzen konnten. In heutigen Analy-

sen dieser Sprache wird diskutiert, inwie-

weit der nationalsozialistische Sprachge-

brauch bereits Rückschlüsse auf politische

Ziele und Absichten der Sprecher zulässt.

Mit dem Aufkommen von Pegida und der

AfD werden wieder vermehrt Begriffe aus

der Sprache des Nationalsozialismus ver-

wendet. So viel zumNazijargon, den wir so

gerne vergessen wollten…

Szenenwechsel mit inhaltlicher Präzi-

sion. Es mag vielleicht verwundern, dass

ein Autor, der die Konfrontation mit gewis-

sen Kreisen, wie beispielsweise der

Una

Sancta Catholica

, der „

einen heiligen ka-

tholischen und apostolischen Kirche

“,

der Selbstbezeichnung der römisch-katho-

lischen Kirche, wahrlich nicht scheut, sich

im Rahmen dieses Beitrages des „

kulturis-

simo

“ in vermeintlicher „

Scheinheiligkeit

gegen den Schritt voll in die Polarisierungs-

falle – und das könnte man ihm unterstel-

len – sich vorzupreschen erdreistet. Eine

Polarisierung, die ebendiese klerikalen

Kreise – sofern diese einen Beitrag wie den

Ihnen, geehrte Leserschaft, hiermit vorlie-

genden überhaupt lesen - ihm mit Sicher-

heit vorwerfen würden. Nur: gegen die Ca-

tholica und deren schon historisch ge-

wachsenen, fast schon „

natürlichen

“ Ver-

bündeten, eben die in diesen Zeilen visierte

politische Rechte – und man möge zu die-

sem Thema

Maître Gaston Vogels

Bro-

schüre seiner beachtlichen Konferenz „

Le

Christianisme: une idéologie de droite

lesen – zu wettern, ist bestimmt kein Akt

der Polarisierung, sondern des Humanis-

mus‘! Das wäre auch im Sinne des Kultur-

kampfes, von dem so viele in Mariens be-

schaulichem Ländchen natürlich tunlichst

nichts hören wollen und den der unverges-

sene

Guy Wagner

so oft in dieser monatli-

chen Kulturbeilage des „

Tageblatt

“ thema-

tisiert hat. Nein, das ist bestimmt nicht der

Kontext dieses Beitrages. Der mündige

Bürger, der auch als Atheist so einiges ver-

misst, tritt als Humanist garantiert nicht in

die in diesem Beitrag zur Diskussion ges-

tellte Polarisierungsfalle, wenn er sich, wie

übrigens viele andere Autoren auch, enga-

giert kritisch gegen religiöse und faschisti-

sche Intoleranz zur Wehr setzt. Denn diese

Form der Auseinandersetzung ist nur jenen

würdig, die diese seit gefühlt ewigen Zeiten

bestens zu praktizieren verstehen. Histo-

risch gewachsen. Denn sie passen bestens

zusammen: Rechtspolitiker und Pfaffen!

Und im Sinne des einführenden Zitates

muss man in der Tat den Mut aufbringen,

deutlich dagegen zu halten.

Gegen diese Intoleranten! Gegen die In-

toleranz, die von organisierter Religion

ausgeht und die eigentlich am unverzeih-

lichsten ist. Einerseits lehren alle organi-

sierten Religionen Frieden und Liebe für

andere – und andererseits haben sie zu ver-

schiedenen Zeiten in ihrer Geschichte

Hass und Gewalt toleriert, gefördert oder

gar propagiert. Und gewisse Randgruppen

verwenden oft Religion als Grund, um zu

Gewalt gegen andere Gruppen aufzurufen.

Das alles dürfte bekannt sein.

Wenn man sich folglich den Vorwurf ge-

fallen lassen müsste, gegen jene menschen-

verachtenden Hasstruppen der organisier-

ten Intoleranz zu „

polarisieren

“, ja dann

hat man in diesem Falle eigentlich nur

recht getan! Auch das darf man wohl klar

und deutlich betonen.

Im Sinne dieses Beitrages:

Die Intoleranz ist die leibliche Tochter

des Teufels, die Lehre des bösen Prinzips,

die Lehre der Lüge.

So der Atheist

Ludwig Feuerbach,

(1804

- 1872), deutscher Philosoph.

Ohne zu polarisieren…

Foto: AP