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Accent aigu

S. 6

„In Zeiten der Polarisierung muss man

den Mut haben, deutlich dagegen zu hal-

ten. Wir brauchen klare Botschaften, dür-

fen uns nicht in Details verlieren.“

Martin Schulz warnt vor “Implosion der

EU”. In:

faz.net

, 11. April 2016

Polarisierung. Meint Aufspaltung, bei der

die Gegensätze deutlich hervortreten. Und

auch Trennung, Spaltung. Man sollte in der

Tat nicht in die Polarisierungsfalle treten.

Mann gegen Frau, Schulmedizin gegen

Ganzheitsmedizin oder auch Alternativ-

medizin, Schwarz gegen Weiß, Reich gegen

Arm, Homosexuell gegen Hetero, Inländer

gegen Ausländer, Beamte gegen Arbei-

ter…eine Liste, die Sie, geehrte Leserschaft

des „

kulturissimo

“, bestimmt noch ver-

vollständigen könnten. Eine Liste, die sich

endlos fortführen ließe und deren Inhalt

durchaus eine Debatte auslösen könnte,

die eben die Konsequenz der visierten Po-

larisierung nicht unbedingt positiv zu ver-

tiefen riskieren würde, das bestimmt

nicht…

Polarisierung, ein an sich negativ besetz-

ter Terminus, der sinngemäß im Endeffekt

nur Streit und Aufregung kontraprodukti-

ver Art auslöst. Je nach Thema, versteht

sich. Ein Zustand, der jedoch gewissen

Kreisen sehr wohl in deren Kram passt, Po-

litikerfiguren und ihre braunen Truppen,

die die Straßen und Gassen verunsichern,

Hasstypen, die wir in unserer Demokratie

historisch gesehen garantiert nicht mehr,

meint eigentlich nie mehr erleben wollten.

Die allerdings mit ihren Rechtsparteien

heuer doch wieder mehr als nur präsent

sind. Gefährlich präsent! Sehr zum Leid-

wesen unserer EU-Politik, die sich, statt

mit den uns allen betreffenden Problemen

nun auch noch mit diesen Demagogen und

Lügnern herumplagen muss. Nur - und die

Frage drängt sich einfach auf:

Wessen

Schuld ist das denn?

Wer hat das eigent-

lich zu verantworten? Die Antwort auf

diese Frage fällt allerdings nicht besonders

schwer. Im Sinne von „

die Geister die ich

rief…

Polarisierung.

Dagegen halten. Mit kla-

ren Botschaften

! Im Kontext EU gemeint –

und dies ist, wenn man schon den eingangs

zitierten, exzellenten, sehr beliebten und

durchaus glaubwürdigen sozialdemokrati-

schen Politiker

Martin Schulz

bemüht und

ihn textlich inhaltlich zitiert, ein Mann, der

mit seinen engagierten, pro-europäischen

Ideen bestimmt auch weiterhin in seinen

zukünftigen neuen nationalen Funktionen

mit führender Rolle innerhalb der EU auf

sich aufmerksam machen wird, wohl auch

wohl nur logisch. In den von ihm eindeutig

mahnend gemeinten Worten, die in

schwierigen Zeiten der Polarisierung wahr-

lich angesagt sind, ja in ebendiesen verwir-

renden und aufregenden Zeiten, muss man

als verantwortliche Politakteure eindeutig

und sehr dezidiert den Mut haben, deutlich

dagegen zu halten. Gegen diese kontrapro-

duktive Polarisierung. Treten wir – und der

Autor dieser Zeilen will diesen Gedanken

an dieser Stelle bewusst weiter spinnen –

nämlich blind in die Polarisierungsfalle,

ohne allerdings die gesunde

Streitkultur

unter Demokraten zu vernachlässigen, die

eben nicht mit der in diesem Text gemeinte

Polarisierung zu verwechseln ist, dann ris-

kieren wir nämlich genau das, was uns

heuer europaweit, und das ist bestimmt

nicht

nur auf unseren Kontinent bes-

chränkt – „

The Donald

“ lässt grüßen – un-

weigerlich droht: der Rechtsruck. Die

nächstfolgend höhere Stufe der Politikver-

drossenheit, kurz vor der Diktatur. Der

Protest gewisser Wutbürger, des tumben

Wahlvolkes, der durchaus gefährlich falsch

aufgenommen werden kann, um es in die

irreführende Richtung zu verführen. Dann

nämlich, wenn das laut protestierende

Volk sich von rechtslastigen Parolen groß-

mäuliger, über einen generell oft limitierten

Wortschatz verfügender, allerdings gerisse-

ner Politegozentriker opportunistischer

Spezies relativ leicht verführen lässt. Polit-

figuren, die eines gesunden Demokratie-

verständnisses völlig unverdächtig sind, je-

doch so viel Mist veranstalten können -

und bei den heuer riskierten Resultaten

wahltechnisch unterstützt und bestätigt,

wie wir leider wissen – dass dem guten De-

mokraten als mündiger Bürger und indivi-

dueller Teil der europäischen Demokratie

nur Angst und Bange werden kann. Para-

doxerweise haben diese Damen und Her-

ren, deren Parteien rechten Gedankengu-

tes hörig sind und deren Namen man nicht

mehr unbedingt auch noch zitieren muss,

selbst genau von dem System bestens profi-

tiert, das diese heuer so vehement und klar

destruktiv kritisieren und frontal angreifen.

Typen, die man menschlich gesehen eigent-

lich überhaupt nicht verstehen kann.

Wohlwissend natürlich, um was es diesen

Opportunisten aufgrund der allgemein

herrschenden Unzufriedenheit eigentlich

geht, nämlich um pure Machtgeilheit. Po-

litfiguren der unglaubwürdigsten Art, die

unsere Demokratie, unsere aufgebaute EU

im positiven Sinne gesehen – und die wir

tagtäglich verteidigen müssen, eine euro-

päische Union, die unserer ganzen politi-

schen Aufmerksamkeit mehr als würdig ist

– in real und in ihrer Konsequenz ganz ein-

fach zerstören wollen. Eine Demokratie,

die unsere Vorfahren in der Nachkriegszeit

mit dem politischen Instrument der sozia-

len Marktwirtschaft und dem Einsatz der

Gewerkschaften im Interesse des gegen

Lohn und Gehalt arbeitenden Volkes er-

kämpft haben. Eine Demokratie europäi-

scher Machart, auf die wir bitte sehr auch

mal stolz sein dürfen, eine Demokratie, an

der wir jedoch ganz klar permanent arbei-

ten müssen. Die empfindlich ist, wie diese

„neuen Rechten“ infekter Spezies und mit

Kalkül es uns heuer leider bestens bewei-

sen. Eine Demokratie, von der diese, wie

bereits erwähnt, bestens profitieren konn-

ten, und die als „Politiker“ gegen ebendiese

Staatsform, der Volksherrschaft, die dem

politischen Prinzip, nach dem das Volk

durch freie Wahlen an der Machtausübung

im Staat teilhat, dies mittels demokratisch

gewählter Regierungen und Parlamente,

fast schon kriminell Sturm laufen. Und da-

mit tatsächlich auch Erfolg haben könnten,

was es natürlich zu verhindern gilt. Und

das kann durchaus gelingen, wenn man sie

ob einer endlich überzeugenden, sozialen

und demokratischen EU-Politik dahin ver-

schwinden lassen wird, wo sie auch en-

dgültig hingehören, nämlich in die politi-

sche und gesellschaftliche Bedeutungslo-

sigkeit!

Wie agieren diese Demagogen, diese ge-

fährlichen Volksverführer? Und, um auch

das klar und deutlich zu betonen, auch

jene, die wie gewisse EU-Machtpolitiker

der Kommission das ebenfalls zu tun pfle-

gen, was jene anderen, die an dieser Stelle

angeklagt werden, zu der Gefahr erhoben

haben, die uns allen, uns Demokraten mit

ihrer Politik der Rechten das Genick bre-

chen wollen: sie praktizieren ebendiese Po-

larisierung. Mit den Methoden des

Divide

et impera

, dem Prinzip „Teile und Herr-

sche“. Spalte die Völker und sichere deine

Machtposition, setze schamlos Halbwahr-

heiten und Lügen ein und warte auf die

Reaktion, provoziere und polarisiere.

Diese Methoden dürften wohl historisch

gewachsen sein und sind leider immer

noch aktuell.

Divide et impera

, eine Rede-

wendung die besagt, man solle ein Volk

oder eine Gruppierung in Untergruppen

aufspalten, damit sie leichter zu beherr-

schen bzw. zu besiegen sind, ein Rezept,

dessen sich Mächtige schon seit jeher be-

dienten. Das römische Reich und das briti-

sche Empire nutzten diese Formel erfol-

greich, doch mit den modernen Möglich-

keiten der Massenmedien und des Inter-

nets kommt dieses Mittel zur höchsten

Blüte. Polarisierung eben, um über die

Frank Bertemes

Der Bürger und Atheist, der was vermisst…

Polarisierung!