Die hessischen Vereinskollegen hatten
eben nie in Luxemburg gelebt, sie hatten
nie am eigenen Leib erfahren, wie verschie-
den die Welt in den verschiedenen Mut-
tersprachen aussieht. Und erst recht ver-
schieden, wenn sich diese Welten im sel-
ben Gehirn eine Wohnung teilen müssen.
Diese innere Distanz, die jemand gewinnt,
der den Unterschied zwischen „Sehn-
sucht“ und „Verlaangeren“ kennt, oder
den zwischen „satt“ und „stufo“, an dessen
Stelle man auch „abbastanza“ oder (unge-
wöhnlich) „sazio” sagen kann und jedes-
mal was anderes meint oder was anderes
versteht. Wenn ich mit den Kollegen darü-
ber haderte, antworteten sie mir, leicht pi-
kiert: „Ich hab doch auch Englisch in der
Schule gelernt - es ist doch nicht so, dass
ich keine andere Sprache könnte!“ Stimmt.
Aber mit DEM Englisch bringt dich keiner
zum Weinen. Und nicht wirklich zum La-
chen. Was hat das denn damit zu tun?
In Deutschland spielt Mehrsprachigkeit
durchaus eine Rolle: zwei oder drei Millio-
nen Bundesbürger – oder auch mehr, es
werden darüber meines Wissens keine Sta-
tistiken geführt – wachsen zweisprachig
auf, vor allem Deutschtürken und Men-
schen portugiesischer, griechischer, chine-
sischer, koreanischer Abstammung oder
andere. In den Grundschulen wird dieser
Umstand ignoriert; wenigstens war das
meine Erfahrung in einer Frankfurter
Grundschule, wo mindestens die Hälfte
der Schüler einen „Migrationshintergrund“
hatte. Die Kinder selbst erwähnten den
Umstand, dass sie möglicherweise zu
Hause nicht Deutsch sprachen, gar nicht,
sie leugneten ihn sogar; er galt offenbar als
unerwünscht und konnte, je nach Lehrer,
einen schlechten Einfluss auf ihre Noten
nehmen. Dass sie dafür in ihrem Gehirn
Trennwände zwischen Ich und ich errich-
ten mussten, beachtete keiner. Wie reich
und vielfältig entwickeln sich dagegen Kin-
der, bei denen die Zweisprachigkeit gewür-
digt und gestärkt wird!
Gewiss, gewiss: den meisten Kindern fällt
es schwerer, zwei Sprachen zu lernen als
eine, oder gar drei; die Identitätssuche wird
schwierig, die Muttersprache oft im Lerns-
tress zerrieben. Doch an solchen Nachtei-
len zu arbeiten, bringt den Kindern größere
Vorteile, als eine der Sprachen zu unter-
drücken oder zu ignorieren. Als Erwach-
sene gewinnen sie ein ganz anderes Selbst-
vertrauen als die Einsprachigen. Gelegent-
lich sind diese sich ihrer eigenen Sprache
nicht einmal bewusst. Sie sagen: „Sprache
interessiert mich nicht“, und glauben, sie
redeten von „Freiheit“. Leute, die nicht
Deutsch sprechen, ignorieren sie meistens.
„Die sollen doch erstmal deutsch lernen“,
meinen sie. Immerhin: denn bis vor, sagen
wir, zehn Jahren, hatte die öffentliche Mei-
nung in der BRD keine Sympathie für
Deutschkurse, zumindest wenn sie von der
öffentlichen Hand subventioniert werden
sollten. Das hat sich geändert. Seit einem
Jahr sagt jedermann: „Natürlich müssen sie
als erstes richtig Deutsch lernen!“ Sie, die
Zuwanderer. Die Anderen.
Dieses Lernen ist inzwischen streng gere-
gelt: Wer ohne einen sehr triftigen Grund
fehlt, fliegt aus dem Kurs und riskiert sein
Aufenthaltsrecht. Acht oder zehn Stunden
am Tag pauken ist keine Seltenheit, fünf
Tage die Woche, mit Hausaufgaben.
Es gibt viele Arten von Mehrsprachigkeit.
Neben der, wo die eine Sprache bei den El-
tern zuhause und die andere Sprache auf
der Straße und im Kindergarten gespro-
chen wird, begegnet uns jene, bei der sich
der seit der frühesten Kindheit gelernte
Dialekt mit der Hochsprache auseinander-
setzen muss. Es gibt die Geschichten von
Vertreibung, nach der die einstige erste
Sprache Verachtung oder Misstrauen
weckt und gemieden werden muss. Und es
gibt die Vielfalt von Erwachsenen, die rei-
senderweise in andere Sprachen hinein-
wachsen, sie sich zu Eigen machen, sie lie-
ben wie sich selbst. Andere reisen nicht
freiwillig, sondern blieben am liebsten in
ihrer Sprache, also zuhause, und in Ihnen
sperrt sich im Innersten etwas Unnennba-
res dagegen, sich eine fremde Sprache an-
zueignen. Eine mexikanische Amerikane-
rin, Gloria Anzaldùa, schrieb: „Für Leute,
die weder spanisch sind noch in einem
Land leben, in dem Spanisch die erste
Sprache ist... (oder in vergleichbaren Situa-
tionen und die sich mit der Standardspra-
che nicht) identifizieren können, was
bleibt ihnen anderes übrig, als ihre eigene
Sprache zu schaffen? Eine Sprache, mit
der sie ihre Identität verknüpfen können
...?“ (*)
Ich bewundere Luxemburg mit seiner
viersprachigen Universität. Ich bewundere
das Unterrichtswesen, das trotz aller Wi-
derstände an der Dreisprachigkeit des
Schulsystems festhält, weil es die beste Ba-
sis für das ist, was Luxemburg ausmacht,
was ihm seine Stärken verleiht. Ob das Lët-
zebuergesche mehr Gleichberechtigung ge-
genüber den anderen Sprachen erhält,
spielt, was das Büffeln und Pauken angeht,
gewiss eine Rolle; es läuft aber letztlich im-
mer noch auf eine Identität der Mehrspra-
chigkeit hinaus. Es geht um eine Gleichbe-
rechtigung der Sprachen untereinander.
Die zwar verschieden geliebt werden, aber
gleichen Respekt fordern dürfen.
(*) s. „Mitten durch meine Zunge”,
Drava-Verlag, 2008
Als ich 80 wurde, fragte mich mein Ve-
rein, der auf Literatur spezialisiert ist,
ob er mir eine Party ausrichten dürfe.
Ich freute mich, und antwortete: “Am
liebsten wäre mir ein Symposium über
Mehrsprachigkeit”. Damit brachte ich
die Vereinskollegen in Verlegenheit: sie
wussten mit dem Thema nichts anzu-
fangen. So wurde dann doch eine
“Party” daraus, mit ein paar Reden und
netten Fotos.
Barbara Höhfeld
Eine Identität
durch
Mehrsprachigkeit?
Sprache und Identität
Accent aigu
S. 3




