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Accent aigu

S. 11

Vernunft in die andere Richtung lenken

dürften.

Sie zitiert den Gender-Gap-Report des

Weltwirtschaftsforums, der voriges Jahr die

Zeit bis zur ökonomischen Gleichstellung

von Mann und Frau auf 118 Jahre bezif-

ferte. Aktuell ist diese Prognose, sicher

dank Machos à la Trump, wieder auf 170

Jahre gestiegen. „Wenn sich der Fortschritt

in diesem Tempo weiter verlangsamt, näm-

lich um 44 Prozent pro Jahr, werden wir

2026 lesen, dass wir noch 6.500 Jahre war-

ten müssen“, so Schrupp. Und mit ihr die

Kinder dieser Welt.

Wer in der

Demokratie schläft . . .

Der Wahlsieg von Donald Trump war

nicht zuletzt auch deshalb ein Schock,

weil er die Möglichkeit des Rückschritts

mitten im Herzen der westlichen Welt

verdeutlicht. Die Selbstgewissheit, wo-

nach wir ‚Fortschrittlichen’ Sexismus,

Rassismus und religiösen Fanatismus be-

reits überwunden hätten, während die

‚Zurückgebliebenen’ dafür eben noch et-

was länger brauchen, war schon immer

überheblich.

Der Glaube, dass Fortschritt immer in

eine bestimmte Richtung geht, ist nichts

anderes als die säkularisierte Variante

christlicher Heilserwartung: Die Welt

läuft auf ein Ziel zu, das bereits feststeht.

Wenn Trumps Sieg etwas Gutes hat,

dann, dass er uns zwingt, diese Illusion

zu verabschieden. Die Weltgeschichte hat

kein vorbestimmtes Ziel. Auf die Frage, in

welcher Gesellschaft wir leben wollen,

gibt es keine richtige Antwort, sondern

nur eine faktische.“

Wie die politische Realität aussieht,

hängt nicht von ihren Idealen ab sondern

davon, wen die Leute wählen. Viel zu oft

lassen wir laut Schrupp zu, dass antieman-

zipatorische Positionen einen zu großen

Anteil an Öffentlichkeit bekommen, weil

das Einschaltquoten und Klicks generiert.

Viel zu oft geben wir uns mit politischer

Korrektheit zufrieden, statt uns persönlich

noch mehr zu engagieren, um rechtspopu-

listischen Versprechungen etwas entgegen-

zusetzen.

Und wie man im peinlichen Streit beo-

bachten kann, den die erst 2014, also mehr

als 200 Jahre nach dem napoleonischen

Konkordat, als Beratergremium gegrün-

dete Gewerkschaft der Kirchenfabriken

(Syfel) losgetreten hat, muss sich sogar das

Bistum intra muros mit rechtspopulisti-

schen Tendenzen auseinandersetzen. Oder

wie anders soll man den volksaufhetzen-

den Vorwurf deuten, der Eigentümer der

Kirchengüter würde sein eigenes Patrimo-

nium klauen?

Und hier wird der Populismus fast schon

transzendental. Er ist im Grunde nichts an-

deres als eine machtorientierte Regung,

den Staat durch seine Verlierer zu annek-

tieren. Wie schon in der französischen Re-

volution liegt auch bei Trump die Befreiung

in der Unerfahrenheit, die sich dem Zynis-

mus ihrer Herren in den Weg stellt, dem sie

später selbst verfallen. Und so bewegt sich

das Volk auf der gleichen Ebene wie die,

die einst Macht über es ausübten.

Wie meint Peter Sloterdijk zum Phäno-

men Trump: „

Der Führer ist ein Lügner!

Was schert es uns? Er macht rassistische

Äußerungen? Wieso nicht? Man hat es

nicht ausreichend explizit begriffen: Das

viel zitierte Volk hat in puncto Zynismus

von den Mächtigen nichts mehr zu ler-

nen. Es will sie zynisch haben, um sich

mit ihnen auf einer Ebene zu fühlen. Vor-

nehmheit trennt, Schweinerei verbindet.“

Wie seit jeher kommt die Erlösung in den

USA durch Inkompetenz.

Doch wie bei Lenin und Hitler folgen

auch die Selbstzerstörungen der Wilders,

Le Pen, Farage und anderen Orban Le-

gends einer eigenen Logik. Und wie lange

sie auch dauern, man muss diese Diktatu-

ren von Minderheiten gegenüber einer

schweigenden Mehrheit erdulden mit der

Hoffnung, dass die historisch emanzipier-

ten Institutionen der jeweiligen Staaten

dies aushalten. Dies gilt auch, wenn einige

Heimattümmler einer Mehrheit eine

Amtssprache aufzwingen wollen.

. . . erwacht in der Diktatur

Einen Kommissar haben sie ja schon beim

konzilianten Premier durchsetzen können.

Doch ist eine Gemeinschaft wünschens-

wert, die Kommissare braucht, um dem

Volk aufs Maul zu schauen? In Moskau ist

das schon einmal schief gegangen. In Brüs-

sel arbeitet man daran. Und Washington,

wo kürzlich ein Mann den roten Knopf

übernahm, der von nur etwas mehr als 20

Prozent der Bevölkerung gewählt wurde,

ist eine weitere Baustelle mit einem Vorar-

beiter, bei dem die Idee des Staates höchs-

tens als Familienbetrieb angekommen ist.

Der Staat als Selbstbedienungsladen, das

ist die Mentalität von volkstümlichen Anti-

demokraten, die zwar durch freie Wahlen

an die Macht kommen, sie dann aber mit

Ermächtigungsgesetzen und Ausnahme-

zuständen für ihre präsidialen Imperien

beugen. Rechtsradikale, Populisten, Extre-

misten, Autokraten? Wie soll man diese

Höckes, Hofers, Sarrazins und Erdogans

nennen. Mit einem Nationalkonservativen

redet man, einen Salonfaschisten meidet

man.

Für die Kommunisten der späten Weima-

rer Republik waren die Sozialdemokraten

Faschisten, was eine gemeinsame Arbeiter-

front gegen die Nazis verhinderte und der

Bande um Adolf Hitler definitiv den parla-

mentarischen Königsweg zur Macht eb-

nete. All diese Protagonisten tausendjähri-

ger Reiche beziehen ihre Kraft aus einer tie-

fen Verunsicherung ihrer Wähler und einer

konkurrenzverseuchten Komplizität ihrer

politischen Gegner auf der Suche nach

Mehrheiten.

Ob nun Trump und dessen Befürworter

Orban und Putin zu dieser Kategorie zwi-

schen rechtskonservativen und faschisti-

schen Potentaten gehören, muss sich noch

herausstellen. Besonders der sicher auto-

kratische Weg der früheren bipolaren

Hauptakteure des Kalten Krieges, Russ-

land und USA, sollte von Demokraten ge-

nauestens beobachtet werden. Wobei wir

beim Begriff Autoritarismus wären.

Die Soziologen der Frankfurter Schule

stellten in den dreißiger Jahren des 20.

Jahrhunderts einen Zusammenhang zwi-

schen dem „autoritären Charakter“ und ei-

ner Politik her, deren Prinzip die straffe

Führung von oben nach unten sei. Autori-

tarismus sei schrankenlose Dominanz,

geistige Intoleranz sowie Aggression gegen

Kritiker und Schwächere. Autoritäre Va-

terfiguren in Politik, Wirtschaft und Fami-

lie ähnelten einander nicht nur strukturell,

sondern bilden ein Ganzes.

Ob nun „Feschismus“, wie die FPÖ-Be-

wegung des „feschen“ Haider in der Alpen-

republik genannt wird, Rechtsradikalis-

mus, Populismus, Extremismus, Faschis-

mus, Totalitarismus oder reaktionärer

Konservatismus, wir haben es hier inzwi-

schen mit einer aggressiven Internationale

zu tun, in der Putin mit Trump und Marine

Le Pen eine teuflisch unorthodoxe Trinität

mit Potentaten der beiden wichtigsten Re-

volutionsstaaten der westlichen Zivilisa-

tion eingehen könnte.

Und hier sollten sich u. a. die Kriptokom-

munisten nicht noch einmal ins Boxhorn

jagen lassen. Denn es ist eine Internatio-

nale von nihilistischen Rechtspopulisten

auf dem Vormarsch, die uns liberalen De-

mokraten noch die Hoffnung aufzwingen

werden, von einem Despoten beherrscht

zu werden, der jeden Sonntag die Messe

besucht. Aber wie wir bereits an dieser

Stelle deklamierten: Wer in der Demokra-

tie schläft, erwacht in der Diktatur.

Nach Worten sprechen Waffen