Accent aigu
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europäischen Staaten ausgeht, deren Bür-
ger sich in der immer brüchiger werdenden
Mitte einigeln wollen.
Alles steht und fällt mit der
Geldstabilität
Wie in den dreißiger Jahren macht er den
Fehler, statt sich selbst einzubringen für
eine gerechtere Gesellschaft, Wölfe im
Schafspelz nachzuäffen und anderern Chi-
mären zu folgen, die ihm seine Einmalig-
keit vorgaukeln, um ihre zentralistische
Macht zu festigen. Wenn später dann er-
neut die ganze Welt in Flammen aufgeht,
dann war es wieder einmal das Volk, das
ihrer nicht wert war.
Und wi eso oft an dieser Stelle, fragen wir
uns, ob die verschieden emanzipierten de-
mokratischen Institutionen unserer westli-
chen Welt solche totalitären Verbeugungen
noch lange aushalten. Ein Problem der
Dreißiger, der Mangel an währungstechni-
scher Stabilität mit einhergehenden Super-
inflationen, also Geldvernichtung für das
niedere Volk, scheinen die heutigen Finan-
zeliten im Griff zu haben - auch wenn dies
nur an der Demokratie vorbei zu haben ist.
Schaut man sich nämlich die Einkom-
mensschere zwischen Reich und Arm an,
die laut einer Oxfam-Studie das Vermögen
der acht reichsten Männer dieser Welt mit
der Hälfte der Ärmsten dieser Welt gleich-
setzt, dann weiß man, warum, ohne gleich
von plutokratischer Hegemonie zu spre-
chen, die Mitbestimmung des Volkes in ei-
ner solchen Konstellation den zweiten
Preis bekommt. Hier wird sogar „
One Dol-
lar, one Vote
“ zur Lachnummer im Zirkus
der Eitelkeiten.
Und auch wenn dieser Umverteilungss-
kandal, in dem die Arbeit höher besteuert
wird als das Kapital, noch nicht massiv in
Luxemburg angekommen ist, weil sich das
Großherzogtum nicht zuletzt durch gut be-
soldete Staatsbeamte einen kaufkräftigen
Mittelstand leisten kann, hätten die
Luxemburger wohl Besseres zu tun, als ihr
Parlament mit petitionären Fragen zuzu-
müllen, ob die einheimische Sprache, die
eh schon per Gesetz fixiert ist, erste Amtss-
prache werden soll oder nicht.
Gesetze und hochtechnische Texte, vo-
rausgesetzt sie sind denn übersetzbar, wer-
den nämlich nicht unbedingt verständli-
cher, wenn sie ins Luxemburgische über-
tragen werden, wie es die Initiative „
Wee
2050/Nee 2015
“ fordert. Unsere immer
komplexer werdende Welt wird sicher
nicht einfacher und verständlicher, wenn
man alles in unser kleines Idiom übersetzt,
wie diese linguistischen Nostalgiker und
ihre politischen Trittbrettfahrer es sich
wohl erträumen.
Es sind meist konservative Kreise, die
sich dagegen wehren, dass die luxemburgi-
sche Sprache, die sich einst mit dem Han-
del entlang der Mosel entwickelte und
heute noch als regional angepasstes Platt
von älteren Mitbürgern von Metz bis Ko-
blenz verstanden wird, sich mit den literari-
schen Sprachen ihrer Nachbarn und
Grenzgängern zu einer multikulturellen
Ausdrucksweise verdichtet, obwohl davon
alle Bewohner und Gäste profitieren wür-
den, nicht nur die Luxemburger.
Perfides Spiel mit den Ängs-
ten der Menschen
Während die rechtsextremen Kräfte ihr
perfides Gedankengut nur schlecht vers-
tecken können, muss man besonders auf
Softis wie die christlich sozialen Jugendli-
chen (CSJ) aufpassen, die angeben, das
Thema „
Identitéit
“ ja nur zu besetzen, weil
es den Leuten oben liege und von „
alle
méigleche populistesche Gruppen a Par-
teien opgegraff gëtt, deenen een dëse Sujet
awer net eleng iwwerloosse sollt, ouni sel-
wer op déi populistesch Schinn ze gero-
den.
“
Nun dürfte es aber quasi unmöglich sein,
mit einem Thema, das den Leuten derart
oben liegt, nicht auf die populistische
Schiene zu geraten. Es sei denn, man the-
matisiert u. a. die schon angesprochene
Ungerechtigkeit bei der Umverteilung der
natürlichen Ressourcen unseres Planeten
und des daraus erschaffenen Mehrwertes,
auch wenn das für die gequälte Seele der
Massen und deren eigennützige Verführer
ein eher abstraktes Problem darstellt.
Es ist also einfacher für Agitatoren, die
nur bis zur nächsten Wahl denken, das
schon erwähnte Gefühl der Heimatlosig-
keit durch soziale Unsicherheit im Volk
noch zu verstärken und sich einem hem-
mungslosen Populismus hinzugeben, des-
sen Methoden der Massenverführung der
französische Psychologe Gustave Le Bon
schon 1895 beschrieb: „
Alles, was die
Fantasie der Massen erregt, erscheint in
der Form eines packenden, klaren Bil-
des
.“
Und an solchen Bildern besteht derzeit
kein Mangel. Flüchtlingskrise mit einher-
gehenden Terroranschlägen, wie auf dem
populistischen Tablett serviert. Man muss,
wie einst die Nazis, die Bilder nur mit der
eigenen Botschaft versehen: Du bist exis-
tenziell bedroht, nur wir können dich ret-
ten! Zusammen sind wir stark und werden
die Gesellschaft erneuern. Darin liegt auch
die politische Attraktivität eines Faschisten
wie Donald Trump: „
Make America great
again
“.
Sein Wahlsieg ist für unsere Einleitung-
sautorin Antje Schrupp, die sich als Politik-
wissenschaftlerin hauptsächlich mit der
weiblichen Ideengeschichte beschäftigt,
ein Zeichen, dass wir Rechtspopulisten als
politische Akteure ernst nehmen und ler-
nen müssen, sich mit ihnen auseinanderzu-
setzen. Auch, oder besonders weil sie den
Fortschritt hin zu mehr Freiheit, Gleichbe-
rechtigung, Vielfalt, Besonnenheit und
Ein trauriger, doch auch ein Ausdruck von Identität




