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!æsÄæos
N°163
er Abschluss bei den diesjäh-
rigen ¹rainy daysº ähnelte
dem letzten Abschnitt bei ei-
nem großen Flusslauf: Was
lange Zeit
einheitlicher
Klang-® Strom war, zerfloss
am Ende wie ein Mäander in zahlreiche
kleinere Veranstaltungen. Immerhin elf,
großenteils halbstündige Auftritte prägten
das Programm am letzten Tag. Kurz vor
Ende lief die Veranstaltungsreihe überwie-
gend auf die klassische Moderne zu. Die
Noise Watchers hatten zwar neue Kompo-
sitionen von Iv?n Boumanns und Festival-
Gründer Claude Lenners im Gepäck, be-
schieden sich aber im Übrigen bei appro-
bierter Moderne: ¹Themaº von Luciano
Berio, Stockhausens ¹Gesang der Jünglin-
geº, Berios Posaunen-ºSeµuenza Vº und
Jonathan Harveys Computermusik-Klassi-
ker ¹Mortuos plangoº. Anders freilich das
Schlusskonzert mit dem Klangforum Wien
unter Emilio Pomarico. Das beschwor mit
Musik von Eva Rieger, 9oshiaki Onishi
und Gjrard Grisey nochmals die Vielfalt
Neuer Musik in Stil und Ausdruck. Das
große Besucher-Interesse an beiden Ver-
anstaltungen zeigte zudem: Immer noch
entwickelt die Avantgarde aus sich selber
heraus neue, innovative Potenziale und
bleibt damit für ein freilich spezialisiertes
Publikum eindeutig ein Magnet.
Die ¹Wunderkammerº genannte Konzert-
folge, überwiegend im magisch blau ausge-
leuchteten Großen
Auditorium, gab am
letzten Tag denn
auch reichlich Gele-
genheit zum positi-
ven®
Erstaunen,
aber auch zu eini-
gem Befremden. Die
zweiteilige Perfor-
mance von Andreas
Borregard mit Si-
mon Steen-Ander-
sens ¹Asthmaº und
¹Self-Careº von Jen-
nifer Walshe als Be-
trachter in einen äs-
thetischen Horizont
einzuspannen, fällt
jedenfalls schwer.
Ein ästhetischer
oder gar emotiona-
ler Hintergrund lässt
D
sich bei diesen multimedialen Produktio-
nen nicht ohne weiteres herstellen.
Andere Auftritte dagegen glänzten mit ei-
nem hohen Maß an Stringenz. Philippe
Manoury bezieht sich in ¹+uasi una cia-
conaº auf Bachs berühmte Passacaglia für
Violine allein. Das verleiht seiner Kompo-
sition einen klaren, und doch unkonven-
tionellen tonalen Hintergrund - zumal
sich Bratschistin Danielle Hennicot bei
der Uraufführung als glänzende Interpre-
tin erwies. Und die beiden ¹Vocal Impro-
visationsº von Tomomi Adachi und Jenni-
fer Walshe spannten einen Bogen von mit-
telalterlicher Zweistimmigkeit zu einer
Moderne und machte dabei seelische
Grenzsituationen überzeugend anschau-
lich.
Zum ersten Mal wurden die ¹rainy daysº
von Chefdramaturgin Lydia Rilling und
damit von einer Frau organisiert. Spiegelte
sich dieser Wechsel in Programmen und
Ausführungen? Das Motto ¹How does it
feel?º scheint so etwas nahezulegen. Es
legte den Schwerpunkt sichtlich nicht auf
strenge Strukturierungen, sondern auf
Emotion und Organik. Und der Vogelfe-
der-Fächer auf dem Cover löst beim Be-
trachter die Assoziation mal kuscheliger,
mal spröder Körperlichkeit aus.
Dabei lässt dieses Motto die stilistische
Vielfalt der Veranstaltungsreihe nur ah-
nen. Immerhin Ó{ Uraufführungen stan-
den an. Zudem brachte Lydia Rilling inte-
ressante Formate ein. Auf einer Konferenz
debattierten sechs Musikwissenschaftle-
rinnen über ¹emotionale Konzepte in zeit-
genössischer Musikº. Im ¹Salims Salonº
befassten sich fünf Künstlerinnen und
Künstler mit dem Thema Fremdheit und
Identität.
Überhaupt gab es innerhalb der wenigen
Tage vom 1Ó. bis zum 19. November reich-
lich Hörenswertes. Das ¹Italian Madrigal
Bookº mit dem Vokalensemble ¹Exaudiº
glänzte mit einer Kombination histori-
scher und zeitgenössischer Madrigalkunst.
Das Klangforum Wien unter Emilio Poma-
rico nahm sich die ¹Situations pour ÓÎ So-
listesº von George Aperghis vor und ver-
klärte Werk und Interpretation zur ¹djcla-
ration d½amourº. Und bereits am Montag
vor Festivalbeginn zeigten die ¹daysº mit
einem bescheiden ¹prjludeº genannten
Konzert, was bei Neuer Musik an expres-
siver Energie möglich ist. Das US-ameri-
kanische JACK +uartett gab drei +uartet-
ten und einem Streichtrio von Iannis 8e-
nakis eine Ausdrucks-Intensität mit, die
beim Publikum atemloses Erstaunen aus-
löste. Diese Musik entwickelt ihre Emo-
tionalität aus der strengen, durchgebilde-
ten Struktur. Grandiost
Nochmals gefragt: Ist das Festival unter
der neuen Leitung ¹femininerº geworden?
An den diesjährigen ¹daysº wurde eins
deutlich: Lydia Rilling hat neue, gute Ide-
en eingebracht. Vielleicht war dabei der
Kontrast zum letzt-
jährigen Motto ¹In-
to the wildº kalku-
liert drastisch ausge-
fallen. Die Unter-
schiede in den Kon-
zepten zwischen al-
ter und neuer Lei-
tung mit dem gro-
ben Raster von Mas-
kulin contra Femi-
nin zu erfassen, er-
wies sich indessen
rasch als unhaltbar.
Eine biologische
Dualität wird der
enormen stilisti-
schen Vielfalt auf
diesem Festival und
auch in Musik allge-
mein ganz sicher
nicht gerecht.
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