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!æsÄæos

N°163

„k“: Wenn man Schuberts späte

Symphonien ? nehmen wir als Para-

debeispiel die Große C-Dur Sym-

phonie ? mit einem großen Sympho-

nieorchester spielt, klingt das meis-

tens zu überladen und träge. Was ja

eigentlich erstaunlich ist, denn die

frühen Symphonien zeigen ja sehr

deutlich, wie wendig, transparent

und klar diese Musik klingen kann.

F. K.: Da bin ich völlig Ihrer Meinung. Für

mich ist bei Schubert total wichtig zu un-

terscheiden, dass die Musiksprache zwar

tiefromantisch ist, die Klangfarbe aber

nicht. Die Klangfarbe deutet nicht in Rich-

tung Brahms und deshalb glaube ich, dass

man mit einem Kammerorchester näher

an das herankommt, was Schubert wollte.

Neuerdings haben ja viele Dirigenten da-

für entschieden, die Schubert-Sympho-

nien mit einem Kammerorchester zu spie-

len oder aufzunehmen. Und ich muss sa-

gen, für mich waren es wunderbare Mo-

mente, plötzlich zu entdecken, was man

alles mit dieser Musik machen kann,

wenn man den richtigen Orchesterapparat

dafür zur Verfügung hat. Alles wird flexib-

ler. Und dann gibt es noch die Frage der

WiederholungenÆ ob es beispielsweise bei

der 9. Symphonie Sinn macht, alle Repri-

sen zu spielen. Oft ist es besser, das Werk

etwas zu straffen. Die einzige Symphonie

von Schubert, bei der ich mir ein ganz gro-

ßes Symphonieorchester vorstellen kann,

ist die ¹Unvollendeteº. Denn hier macht

Schubert einmal ein Klangexperiment und

verweist dabei schon unbewusst auf

Bruckner. Und vielleicht hat ihm gerade

das so eine große Angst gemacht, dass er

dieses Werk nicht fertig gestellt hat. Denn

Schubert hatte vieles, nur kein Selbstver-

trauen.

„k“: Wie stehen Sie zu dem oft hef-

tig kontrovers diskutierten Thema

der Wiederholungen bei Schuberts

9. Symphonie?

F. K.: Bei Schubert ist es so, dass die Re-

prisen µuasi wortwörtlich sind wie die Ex-

positionen, aber mit anderen Tonarten. Es

kommt kaum vor, dass er, wie Beethoven

beispielweise, etwas groß variiert, was uns

natürlich zur der Frage bringt ob man die

Exposition wirklich wiederholen soll. Ich

selbst habe für mich noch keine zufrieden-

stellende Antwort gefunden. Momentan

aber tendiere ich dazu, die Expositions-

wiederholung wegzulassen. Ich hatte zu

diesem Thema lange Diskussionen mit

Andras Schiff, der ja immer dafür ist, bei

jedem Werk die Wiederholungen zu spie-

len. Natürlich, wenn man ein Werk zum

allerersten Mal hört, helfen uns solche

Wiederholungen das Material zu verste-

hen und einzuordnen, um dann das, was

mit dem Thema passiert auch besser ver-

stehen zu können. Aber ein Großteil der

Leute kennt ja die 9. Symphonie. Eine Re-

prise zu spielen ergibt für mich nur Sinn,

wenn sie eine Stelle enthält, die sonst

nicht vorkommt. Wie die prima volta in

der B-Dur Sonate. Die kommt nur hier

vor, und wenn ich sie nicht spiele, dann

ist der gesamte Satz nur hübsch aber nicht

mehr. Und das ist eine Katastrophe.

„k“: Sie sind ja generell ein Musiker,

der als Pianist und Dirigent gerne

integrale Aufführungen vorzieht.

F. K.: Es gibt den riesigen Vorteil, dass

man das ganze Spektrum einer Musikgat-

tung eines Komponisten von Anfang bis

Schluss miterleben kann. Und Schubert

hat als Komponist eine Entwicklung

durchgemacht, die man durchaus von der

Ersten bis zur Letzten mitverfolgen kann.

Sicherlich nicht auf einem Niveau wie

Beethoven, denn Beethovens Entwicklung

von seiner 1. Symphonie bis zur Neunten

ist enorm. Auch bei den Klaviersonaten.

Die Entwicklung von seiner ersten Kla-

viersonate hin zum op. 111 ist atemberau-

bend. Und für mich als Interpret ist es im-

mer sehr lehrreich, einen Komponisten

auf diese Weise immer wieder neu zu ent-

decken. In den großen Zyklen gibt es auch

keine schlechten Werke. Abert Nicht alle

Integralen müssen oder sollen als Integra-

le aufgeführt werden. Bei Tschaikowsky

kann man sich durchaus die Frage stellen,

ob man die 6 Symphonien als Zyklus spie-

len soll. Seine Ó. Symphonie ist doch eher

schwach. Man muss nicht alle Haydn-

Symphonien spielen, auch nicht den gan-

zen Mozart. Aber Beethoven, Schubert,

Schumann, Brahms, Mendelssohn, Mah-

ler: unbedingt. Auch Bruckner, aber dafür

fühl ich mich noch nicht reif genug.

„k“: Sie haben oft ? ohne das jetzt

abschätzend sagen zu wollen ? mit

Orchestern aus der zweiten Reihe

gearbeitet, die international kaum

eine Rolle spielen.

F. K.: Ich will vorausschicken, dass ich da-

mals einer der jüngsten Generalmusikdi-

rektoren in Deutschland war und mit der

Norddeutschen Philharmonie ein Orches-

ter übernommen, das eine große politische

Funktion hatte und hat, weil es ein A-Or-

chester und das wichtigste Orchester in

Mecklenburg-Vorpommern ist. Vor der

Wende war die Norddeutsche Philharmo-

nie neben dem Gewandhausorchester

Leipzig, der Staatskapelle Dresden und

der Staatskapelle Berlin das Top-Orches-

ter in der DDR. Nach der Wende hat die

Kulturpolitik diesen wichtigen und traditi-

onsreichen Klangkörper aus Spargründen

einfach vergessen. Diese Sparpolitik im

Bereich der Kultur hat natürlich auch bei

anderen Orchestern verheerende Folgen.

Zuerst wird an der +ualität gespart. Und

wenn an der +ualität gespart wird, dann

bleibt das Publikum plötzlich weg. Und

wird das Verschwinden des Publikums als

Argument dafür genommen, dass man

noch mehr spart und die +ualität weiter

sinkt. Zu Anfang war die Norddeutsche

Philharmonie ein Orchester mit über hun-

dert Musikern, das von allen großen Diri-

genten auch dirigiert wurde. Als ich das

Orchester übernommen habe, waren es

noch nÇ Musiker, mittlerweile ist es run-

tergekürzt auf etwas über Çä Musiker. Und

das geht immer weiter nach unten. Freie

Stellen werden nicht nachbesetzt, was

wiederum zu einer Überalterung des Or-

chesters führt. In Liechtenstein war das ei-

ne ganz andere Sache. Dieses Orchester

ist von null entstanden, und ich hatte die

Ehre, dieses Orchester eines sehr kleinen

Landes mit ÎÎ.äää Einwohnern aufzubau-

en. Das Land hat sehr viel Geld in dieses

Orchester investiert, so dass ich die besten

Musiker verpflichten konnte. Und in den

drei Jahren wo ich in Liechtenstein war,

haben wir eine tolle Aufbauarbeit geleis-

tet. Bei diesen, wie sagen Orchestern aus

der zweiten Reihe, muss man auch immer

Geschichte miteinbeziehen und wie die

Politik mit ihnen verfahren ist. Das hat

dann nicht immer zu bedeuten, dass diese

Orchester µualitativ weniger gut sind als

andere, weitaus bekanntere Klangkörper.

„k“: Diese Orchester sind aber auf

nationalem Plan trotzdem sehr

wichtig.

F. K.: Auf jeden Fall. Jedes Orchester ist

wichtigt Ihre Aufgabe ist die der kulturel-

len Nachversorgung. Es kann nicht sein,

dass die Leute nur noch einmal pro Jahr in

ihrer Heimatstadt ins Konzert gehen, sich

stattdessen aber dann nach Berlin zu den

Philharmonikern reisen. Auch viele Or-

chestermusiker beginnen ihre Karriere in

der sogenannten Provinz. Da erlernt man

das Repertoire und die Vielfalt der Musik.

Das Gleiche gilt für die kleinen Opern-

häuser, in denen die jungen Sänger heran-

gebildet werden. Ich habe ja viele der ganz

großen Orchester dirigiert und ich kann

Ihnen versichern, fast alle Musiker, die

hier spielen, haben in einem kleinen Or-

chester begonnen. Drum kann ich nur je-

dem sagen: Unterschätzt die Orchester aus

der zweiten Reihe nichtt

Foto: u—as Bec—