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S. 12

Musiques

Kulturissimo: Wie wird man eigentlich zu einem überzeug-

ten Komponisten?

David Philip Hefti:

(lacht) „Das eigentlich schon sehr früh bei

mir begonnen. Wie die meisten Kinder bin ich in der Grundschule

zuerst mit der Musik in Kontaktgekommen und habe bereits als

Sechsjähriger begeistert Blockflöte gespielt. Mir wurden aber da-

mals schon all diese kleinen Liedchen, die wir spielen mussten, auf

die Dauer zu langweilig und ich begann, meine eigene Töne auf Pa-

pier zu notieren. Das darf man natürlich nicht komponieren nen-

nen, aber ich habe mir selber Melodien notiert und sie dann ge-

spielt. Nach der Blockflöte kam die Klarinette hinzu, dann das

Klavier. Aber parallel zu den Instrumenten habe ich immer weiter

komponiert. Zuerst nur für mich, dann kleine Stücke für meine

Freunde. Das hat mir als Kind sehr, sehr viel Freude und Spaß ge-

macht. Musik spielen und Musik komponieren, das ist bei mir sehr

organisch und natürlich gewachsen und ohne, dass ich mir als

Kind dabei große Fragen gestellt hätte. Ja, und mit vierzehn habe

ich dann beschlossen, wirklich Musiker zu werden. Und ich hatte

das Glück, schon in meinem Gymnasium ein eigenes Symphonie-

orchester dirigieren zu können, für das ich auch komponiert habe.

Rückblickend muss ich sagen, dass gerade diese Zeit und diese Er-

fahrungen als Komponist und Dirigent sehr wichtig für meine wei-

tere Entwicklung waren.“

k.: Wie reagierten denn Ihre Eltern damals?

D.Ph.H.:

„Sie haben mich machen lassen. Und genau das ist auch

erstaunlich, denn in meiner Familie gibt es keine Musiker. Zwar

hat mein Vater hat in der Kirche Orgel gespielt und meine Mutter

ein wenig Querflöte, aber das war eher nebenbei und sie hatten ab-

solut keine musikalische Ambitionen.“

k.: Worin unterscheidet sich denn der Komponist von

heute von denen der Vergangenheit, von einem Bach, ei-

nem Beethoven, einem Mahler?

D.Ph.H.:

„Die Situation ist eine ganz andere. Heute muss man

sich als Komponist kaum Sorgen machen. Es gibt so viele Stiftun-

gen, die einen unterstützen und Kompositionsaufträge bezahlen.

Allerdings gibt es auch Länder, wo das nicht der Fall ist. Besonders

in Italien ist es ganz schlimm. Da können die Komponisten fast

nicht überleben. Wenn man als Komponist einen gewissen Namen

hat und international bekannt ist, dann kann man gut von der Mu-

sik leben. Wenn ich uns Komponisten von heute mit einemHaydn

oder Mozart vergleiche, so ist doch vieles ähnlich. Damals wie

heute wurden Auftragswerke vergeben, zwar waren damals die

Sponsoren die Fürsten und der Adel, heute sind es Stiftungen,

Banken und Konzerthäuser, aber die Idee ist eigentlich die gleiche.

Ich komponiere aus Leidenschaft, weil es mir Spaß macht und

weil es mir persönlich wichtig ist. Und genauso war es auch bei

Bach, bei Mozart und bei Gustav Mahler. Heute ist es aber viel

schwieriger geworden zu komponieren als zu Mozarts Zeiten. Da-

mals war es ziemlich klar, wie man komponiert. Man hatte das

Tonsystem, hatte Kadenzen, Konsonanzen, Dissonanzen, Auflö-

sung, man hatte feste Strukturen und Regeln.. Es wurde immer in

einem abgesteckten und klar definierten Rahmen komponiert.

Heute ist alles möglich. Man darf auch alles machen. Man darf für

einen Springbrunnen komponieren, man darf in Es-Dur kompo-

nieren oder man darf wie Mozart komponieren. Alles ist erlaubt.

Und gerade das macht es schwierig, nämlich in all diesem Erlaub-

ten seinen eigenen, ganz persönlichen Weg zu finden und dabei

seine eigene, individuelle Handschrift zu kreieren. Und das ist

auch das Wichtigste für den Komponisten für heute: die eigene un-

verwechselbare Sprache zu finden.“

k.: Aber das geht ja auch nicht von heute auf morgen.

D.Ph.H.:

„Genau. Diese Entwicklung braucht seine Zeit, weil

man sich einfach ausprobieren muss. Am Anfang habe ich im Stile

von Alban Berg komponiert, der für mich sehr wichtig war und im-

mer noch ist. Gustav Mahler war für mich wichtig. Nur dass meine

Kompositionen natürlich nie so gut waren wie die von Berg und

Mahler. Danach habe ich mich so langsam mit den zeitgenössi-

schen Spieltechniken vertraut gemacht und hoffe natürlich, dass

ich so langsam meine eigene Klangsprache gefunden habe. Musik

muss eine Handschrift haben und sie darf nicht irgendetwas Belie-

biges ein.“

k.: Was steht denn bei Ihnen ganz am Anfang einer Kom-

position?

D.Ph.H.:

„Das kann eigentlich alles sein. Nur politische State-

ments werden Sie in meiner Musik nicht finden. Ich bin 1975 in St.

Gallen in der Schweiz geboren, habe keinen Krieg erlebt, musste

„Musik muss eine Handschrift haben.“

Alain Steffen

Der Schweizer Komponist David Philip Hefti im Gespräch:

Credits: Manu Theobald

Alain Steffen