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Die ungestüme Energie der drei Nach-
wuchspunks wird aber zügig gebremst,
sei es durch das langwierige Erlernen der
Instrumente,
die auszuhandelnden
Kompromisse mit frühreifem und stein-
reichem Bandmanager Jean-Baptiste
oder die zunehmend profit- und ruhm-
gierigen Machenschaften von Probe-
raumvermieter Kaplan „Mr. Chuck“
Müller.
Mit seiner „Klasse von 77“ entführt
Francis Kirps uns schamlos in die Sphä-
re der Jugendliteratur, die er mit einer
gutmütigen Ironie pastichiert. Es ist
nicht die - teilweise gespielte, schelmi-
sche - Naivität des Erzählers, die Kirps
hier aufs Korn nimmt, sondern vielmehr
die Welt der Erwachsenen, in der wir zu
den Büchern unserer Jugend nicht zu-
rückkehren können. Kirps öffnet die To-
ren zu einer „Guilty Pleasure“, macht
uns zu Nostalgikern der Kindheit, zu
Zeitreisenden in eine Welt der Unschuld
und hinterfragt implizit, wieso wir uns
der manchmal bierernsten Belletristik
verschrieben haben, wenn diese doch oft
nur die monotone, fantasielose Welt der
Erwachsenen kopiert. Um es mit den
Worten des Erzählers zu sagen: „Ich
wollte niemals erwachsen werden. Ich
würde für immer ein Mensch bleiben.“
Referenzen an die zeitgenössische
Popkultur sind zahlreich und ihr Entde-
cken und Entziffern macht so viel Spaß
wie das Auffinden von Easter Eggs in Vi-
deospielen. So gibt es unter anderem
eingedeutschte, textliche Cameoauftritte
von The Cure und Radiohead, Bob Dy-
lan, dessen Verse laut Erzähler im Wie-
ner Dialekt „ausdrucksstärker“ wären,
sowie Lou Reed, der „bekannte New
Yorker Schlagersänger“, sind neben
Enid Blyton, den Drei ¶¶¶ und TKKG
wichtige ideologische Eckpfeiler des Ro-
mans. Alle Referenzen aufzuzählen so-
wie den semantischen Kontext ihres
Auftretens zu verraten wäre sträflich, da
ein Großteil dieser +uerverweise den
Charme und Humor des Romans ausma-
chen. So wird zum Beispiel das erste De-
motape der Band von Klassenkamerad
David in einem klaren Verweis auf das
letzte Album der Indieband Tocotronic
„Wie wir streben wollen“ getauft, wohin-
gegen die Beschreibung von Robert
Schmidt samt zerzauster Ananasfrisur
und schwarzem Regenmantel genauso
ausfällt, wie man es sich erwartet hatte.
Die humoristische Entstellung der rea-
len Welt kann hier sowohl als Poetik als
auch als ontologische Verweigerungs-
haltung gehandhabt werden: Gegen das
Erwachsenwerden, gegen die unaus-
weichliche Unterwerfung einer vom Ka-
pital regierten Welt bleibt eigentlich nur
die Rückkehr in den kreativen, eigenwil-
ligen Zufluchtsort der Kindheit, wo die
Realität lediglich als Baustein einer Play-
mobilwelt fungiert.
Fiktionen wird hier einerseits Eskapis-
mus angekreidet, andererseits sind es
eben die spekulativen Fiktionen, die es
erlauben, einen kognitiv vielfältigeren,
anamorphen Blick auf unsere Realität zu
werfen q so wie in der Kurzgeschichte
„2017“, in welcher Klassenkameradin
Elisabeth eine Welt projiziert, die unse-
rer nicht unähnlich ist. Aus der naiven
Sicht des Kindes q das denkt, Krustis
Onkels wären sparsam, weil sie eine
grünlich riechende Zigarette immerzu
herumgehen lassen - kriegen die Mecha-
nismen, Automatismen und Selbstver-
ständlichkeiten der Außenwelt einen
neuen, poetischen Schliff, anderswo
wirft der Erzähler ganz im Sinne der Let-
tres persanes von Montesµuieu einen
entstellten Blick auf die Gewohnheiten
der Erwachsenenwelt, welche so als un-
reifer, bizarrer und kindischer als die un-
serer Hauptfiguren erscheint. Punk pen-
delt im Roman immerzu zwischen mögli-
cher Kooptierung durch den Markt und
einer Komplizenschaft mit den Abenteu-
erromanen der Kindheit. Weshalb der
Punkrockroman eigentlich nur aus der
Sicht eines Kindes erzählt werden kann:
Nur so erscheint der Rebellionsgeist ei-
nigermaßen plausibel, weit entfernt der
von Jean-Baptiste angestrebten Profes-
sionalisierung und Vermarktung. Denn
auf das Niveau ihrer Vorbilder zu kom-
men würde einer Eingliederung in die
Gesetze des Marktes, einem deontologi-
schen Verrat gleichkommen. Und die
Kinderperspektive allein erlaubt dieses
poetische Kneten des zähen Teiges der
Realität, das es dem Erzähler erlaubt,
aus Hühnerknochen in der Kantine ei-
nen spektakulären paläontologischen
Knochenfund q den Gigantosaurus Co-
lossalus q zu schaffen.
Ein wenig wie in Thomas Pynchons
Vi-
neland
wird gegen Ende des Romans ein
utopischer Locus ins Leben gerufen.
Was bei Pynchon die waldige Gegend
von Vineland war, ist hier die Geister-
stadt von InnsbornÆ Pynchons Familie
Traverse wird abgelöst von Krustis Sipp-
schaft, die aus einer unüberschaubaren
Anzahl an verlotterten Onkels, die der
Erzähler ständig mit Vogelscheuchen,
Sitzbanken oder Kleiderhaufen ver-
wechselt, besteht. Beide Gemeinschaf-
ten teilen, neben einer gewissen Faszina-
tion für bewusstseinserweiternde Sub-
stanzen, das Abschotten von den Geset-
zen des Marktes: So führt Onkel Sponti
Buch über die Tierwelt der Unkensümp-
fe Innsborns, die er sowohl von der Ta-
xonomiewut der Wissenschaftler als der
auflauernden Gier der Bauunternehmer
schützen möchte.
Dass der Roman manchmal überspitzt
ist, einige Szenen etwas zu chaotisch
ausgefallen sind und manche Gags ent-
weder nicht ganz zünden oder ihre ge-
wollte® Wiederholungsrate rhythmische
Schwächen aufweist fällt da nicht weiter
ins Gesicht und trägt im Gegensatz noch
mehr zum anarchischen DIY-Spirit des
Buches bei. Denn wo im Punk Schnellig-
keit und Krach die Rebellion ausdrü-
cken, ist Kirps beste Waffe gegen den
Verlust der Ideale sein verschrobener
Humor.
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