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3ŒpDtre

S. ¯2

Man konnte jedoch schon mit ziemlicher

Sicherheit davon ausgehen, dass die Pläne

von Ian De Toffoli, Luc Schiltz und Pitt Si-

mon etwas Innovatives und Unkonventio-

nelles gegenüber der doch oftmals braven

und etwas bieder erscheinenden Theater-

landschaft des Großherzogtums liefern

würden. Schon allein die Idee einer kurzen

Teaser-Vorstellung, bei der bereits erstes

Feedback gesammelt wurde, das in den Ar-

beitsprozess des Schreibens mit eingebaut

werden konnte, war ungewöhnlich und er-

frischend modern für Luxemburger Ver-

hältnisset®. Dass das Trio nicht unbedingt

den kulturellen Mainstream-Strömungen

folgt, ist vor allem durch ihren gemeinsa-

men Verlag „Hydre“ bekannt, der sich in-

haltlich auf die Auswahl µualitativ hoch-

wertiger und oftmals komplexer Kurzge-

schichten und Theaterstücke spezialisiert

hat - eine angenehme Abwechslung in der

luxemburgischen Literaturlandschaft, die

sich grösstenteils aus einer nicht mehr

überschaubaren Masse an Kinderbüchern,

penetrant die Bestseller-Listen besetzen-

den Kochbüchern und mittelmäßigen Kri-

miromanen, wo immer irgend jemand an

einem der luxemburgischen Fluss ermordet

wird, zusammensetzt.

+ualitativ wurde demnach auf ein an-

sehnliches Theaterstück gehofft, auch

wenn hinter dem Konzept einige Fragezei-

chen standen: Der Text, an dem neben

Schriftsteller De Toffoli auch die Schau-

spieler Schiltz und Simon mitschrieben,

entstand in einer „work-in-progress“-Ma-

nier im Theater, dem Schauplatz der Ge-

schichte. Und um zudem ein größtmögli-

ches Publikum anzusprechen, wurde „Re-

fugium“ in den drei Amtssprachen Luxem-

burgs aufgeführt, einfach „weil die Drei es

können“ Zitat von Luc Schiltz im RTL Ra-

dio-Interview vom 14É10É2016®. Perspekti-

ven® hat das Stück auf Luxemburgisch ge-

sehen.

usƒanƒssituation und Storð

„Refugium“ vom lat. „refugere“® befasst

sich mit dem hoffnungslosen und angster-

füllten Alltag von zwei 4berlebenden, die

nach einer nicht näher erläuterten, aber

wahrscheinlich durch Menschenhand ver-

ursachten Katastrophe Rückzug in einem

verwahrlosten Theater gefunden haben.

Das dystopische, post-apokalyptische Sze-

nario bietet den äußeren Rahmen einer

Odyssee aus Depression, Resignation,

Hoffnung und Wut, an der die beiden Pro-

tagonisten das Publikum in der knapp 60-

minütigen Vorstellung teilnehmen lassen:

Die Flucht vor der physischen Realität wird

zu einer schonungslosen Konfrontation

und Abrechnung mit der gesellschaftlich-

sozialen Wirklichkeit, die uns umgibt und

nach und nach vergiftet hat.

Die Zerstörung der Außenwelt und die

Ungewissheit, was außerhalb der schützen-

den Mauern des Theaters auf die beiden

wartet, und ob Rettung naht, veranlasst die

beiden dazu, sich nicht nur die Tage und

Nächte in ihrem Rückzugsort zu teilen,

sondern dem Gegenüber immer mehr Ein-

blick in die eigene seelische Verfassung zu

gewähren. Offenbart werden übermäßige

Gesprächigkeit, Weitschweifigkeit der Ge-

danken, zunehmender Realitätsverlust und

Größenwahn, da die Hoffnungslosigkeit

auf Besserung, die schwindenden Essens-

reserven und die fehlende Wasser- und

Stromversorgung an der Physis und der

Psyche der beiden Exilanten nagen. Dem

Publikum wird dabei vorenthalten, wie

lange ihre Zweckgemeinschaft schon an-

dauert, aber der Grad des Wahns, der sich

progressiv in unkontrollierten Aktionen

und Gesprächen manifestiert, lässt darauf

schließen, dass die beiden Männer bereits

längere Zeit verharren. „Refugium“ lässt

den Zuschauer an den unterschiedlichen

Wahrnehmungs- und Lebensbereichen ei-

ner ausgeprägten Manie teilnehmenÆ weit

entfernt von einer gesellschaftlichen Mitte,

die nicht mehr existiert und dadurch kei-

nen Referenzpunkt mehr darstellt, alternie-

ren die Akteure sinusoidisch zwischen hei-

ter-fröhlich und hoffnungslos depressiv.

Das beständig wechselnde Sozialverhal-

ten leitet das Publikum von Slapstick-Ein-

lagen, die Hoffnung suggerieren, zu düste-

ren Untergangsstimmungen, die einen

nachdenklich machen, mit den Protagonis-

ten auf der Bühne mitleiden lassen und zu

Reflexionen nach dem „Was wäre wenn¶“,

„Was hätte ich anders machen können¶“,

„Wie wird es weiter gehen¶“ führen. Die

einzelnen Etappen ihres Seelenstriptease,

der stets zwischen Wahrheit und Illusion,

Fiktion und Wirklichkeit, Kummer und

Zuversicht pendelt, lassen die Zuschauer

stets an Neuem und Unvorhersehbarem

teilnehmen und die Logorrhoe der beiden

Protagonisten trägt die Geschichte mit

überwiegend gelungenen Textpassagen

und einer guten Balance zwischen Dialo-

gen und Monologen souverän zu Ende.

„Refugium“ zeichnet auf den ersten Blick

ein eher unrealistisch wirkendes Zukunfts-

szenario, legt jedoch eindrucksvoll den

Finger in die Wunde der momentan gereiz-

ten politischen und gesellschaftlichen Un-

ruhen, die immer weiter zu einer Spaltung

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